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Mein wahrer Name ist Elisabeth
von Adèle Yon
430 Seiten © 2025 Éditions du sous-sol, Paris © der deutschsprachigen Ausgabe 2026 Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH www.berlinverlag.de ISBN 978-3-8270-1542-6
Ein Bild ihrer Urgroßmutter hatte die Autorin nicht wirklich. Und das in mehrfacher Hinsicht. Auf den alten Kinderfotos war sie jedenfalls nie bewusst zu ihr durchgedrungen. Bis zu jenem Zeitpunkt, als das letzte Foto von Betsy, die eigentlich Elisabeth hieß, entstand. Es wurde kurz vor ihrem Tod aufgenommen, von wem, ist nicht bekannt.
"Die ersten Fragen habe ich gestellt, bevor es ein Gesicht gab."
Deshalb legt sie großen Wert auf die Unterscheidung "der Zeit vor dem Bild und der Zeit danach".
Viele Jahre, bevor Adèle Yon ihre Nachforschungen begann, geisterte ihr Betsy als "Phantom" durch den Sinn. Vielleicht als eine nicht unbedingt greifbare, kaum zu erklärende Aufforderung, sich mit ihrem Leben und ihrem Schicksal zu befassen, welches Betsy im Grunde mit unzähligen anderen Frauen teilte.
Ob sie einmal mit jemandem über das Leben ihrer Mutter gesprochen hätte, fragte Adèle einst ihre Großmutter. Sie verneinte vehement, denn weder mit ihren Schwestern und schon gar nicht mit ihren Brüdern war ein solches Gespräch möglich.
"Nein, die sprechen nicht über Gefühle."
Selbst ihr Vater nicht, der bis zu seinem Tod vermied, "auch nur ein Wort über seine Frau zu verlieren".
Eine derart aufwühlende Mischung aus Ahnenforschung und Autobiografie ist dem Rezensenten noch nicht untergekommen. Wo er mit Lobpreisungen beginnen soll, ist ihm nicht klar. Vielleicht sind solche auch gar nicht notwendig, denn Adèle Yons Zeilen sprechen einfach für sich, unterstreichen sich selbst und bedürfen des Lobes nicht und einer, wie auch immer gearteten, Beurteilung schon gar nicht.
Es ist eine Kunst für sich und ein Kraftakt noch dazu, die dunklen Kellergewölbe des Unausgesprochenen auszuleuchten. Einen großen Beitrag lieferte die Großmutter der Autorin dann doch, indem sie die Mauern des Schweigens schließlich durchbrach, was die Autorin als "einsetzende Flut" beschreibt.
"Meine Großmutter hat angefangen, mir zu helfen."
Diese Hilfe bestand aus Aktenordnern mit persönlichen Unterlagen, Fotos, Gegenständen und einem Karton mit dem Briefwechsel ihres Vaters und Betsy!
Jene Briefe sind ein zentraler Bestandteil des Buches, und sie sind aufschlussreich und erschütternd zugleich. Wie sich ihre Urgroßmutter so nach und nach gegen ein feingesponnenes patriarchales Korsett zaghaft zu wehren versucht, sich aber dennoch schutz- und wehrlos darin verstrickt.
Zudem war sie "verrückt", wie man zu sagen pflegte. Doch ihr Bruder zweifelte, indem er ihre "Krankheit" eher als "eine Art Sprachlosigkeit" definierte und sie selbst als "Opfer des Schweigens" bezeichnete.
Adèle Yons weitere Entschlüsselungen sind, wie ihr ganzes Buch, in einer schnörkellosen Klarheit formuliert. Sie entziffern sowohl den Zeitgeist als auch den gesellschaftlichen Mief, vom frühen 20. Jahrhundert ausgehend, in einer ebenso leisen wie weisen, sehr persönlichen Art.
Ihre Recherchen sind ein Kraftakt ohnegleichen. Unzählige Gespräche mit Verwandten und die Odyssee durch bürokratische Zuständigkeiten forderten von Adèle Yon alles. Schonungslos lässt sie auch persönliche Folgen dieser Tortur nicht aus, was sich spätestens offenbart, wenn sie am Ende eine Art Fazit ihrer Bemühungen zieht.
Für wen sich diese Spurensuche um die "schwärzesten Kapitel der Gewalt an Frauen" zu lesen lohnt? Für alle, die Unrecht nicht mit Schweigen zu kompensieren versuchen. Und für jene, die sich dem patriarchalen System, sowie dem damit verbundenen, von der Kirche verordneten, Gehorsam gestern wie heute verweigern, ganz besonders geeignet.
Die von Adèle Yon erzählte Vergangenheit ruht. Zum Glück. Die aktuellen Bezüge allerdings nicht.
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