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Literatur

Mein neues Leben als Mensch

von Jan Weiler


232 S.
© 2011 by Rowohlt Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg
www.rowohlt.de
www.janweiler.de
ISBN 978-3-463-40619-0



Elke Heidenreich hat vollkommen recht mit ihrer Feststellung "Jan Weiler sitzt mitten im Leben und schreibt es auf". Schließlich kennen wir alle das Leben (oder meinen, es zu kennen) und sitzen sozusagen alle im selben Boot. Mehr oder weniger. Denn es ist ja ein ziemlich großes Boot. Eigentlich ein riesiger Ozeandampfer. Da kann man schon mal den Überblick verlieren. Auf Deck 1 bekommt man nicht unbedingt mit, was auf Deck 12 los ist. Am Heck hat man lediglich eine Ahnung, was es am Bug wieder Neues gibt und auf dem Sonnendeck ist sowieso alles anders als im Maschinenraum.

Gut, dass es also Menschen gibt, die sich darum bemühen, das Leben zu dokumentieren und aufzuschreiben. Und zwar ziemlich minutiös. Es sind die zahllosen Situationen des Alltags, die unser Leben bestimmen und ausmachen. Man muss sie nur entdecken und in der vermeintlichen Gleichförmigkeit des Alltäglichen nicht übersehen. Diese Gefahr besteht nicht, wenn man sich einmal mit den Kolumnen von Jan Weiler beschäftigt.

Beispiel: Esoteriker. Irdische Güter werden restlos überbewertet, meinen sie, aber wehe, man schenkt ihnen nichts zum Geburtstag! Das kann allerdings durchaus zum Problem werden, wenn man eine Klangschale nicht von einer Obstschale unterscheiden kann. Auch mit Kinderspielzeug ist das so eine Sache, denn ein gewöhnliches Mobile darf es ja auf keinen Fall sein. Besser ist die selbstgebastelte Alternative aus einer Handvoll Teebeutel, die zudem noch die Liebe von Papa und Mama vollautomatisch auf das schlafende Baby transferieren. Und dann wäre da noch die Sache mit dem "Handschmeichler" ...

Mit weiteren Beispielen halte ich mich aber lieber zurück, denn der Inhalt von den meist nur wenigen Seiten umfassenden Kolumnen wäre viel zu schnell verraten. Deshalb lege ich mir eine freiwillige Selbstbeschränkung auf, indem ich nur andeutungsweise fortfahre. Letztlich müsste man so überaus originelle Geschichten wie die mit dem "Erdzwerg" schon komplett erzählen, damit Sachverhalt und Pointe einigermaßen verständlich rüberkommen. Immerhin sei so viel verraten: Es gibt einen nicht wegzudiskutierenden wie real existierenden Zusammenhang zwischen Atomen, Spülmaschinenkrümeln, Erdmännchen und Himbeerkernen.
        
Das Buch taugt in vielerlei Hinsicht. Es ist nicht nur intelligente Unterhaltung. Wir erfahren nicht nur, was wie und wo auf dem großen Boot unserer Reise alles passiert, sondern wir erhalten auch eine unmittelbar praxisbezogene Lebenshilfe. Auf unserer ziemlich kurzen Reise in die verdammt lange Unendlichkeit sollte man schon auf alles vorbereitet sein. Insbesondere wenn es in der Partnerschaft einmal schwierig werden sollte. Und da Männer und Frauen bekanntlich nicht zusammenpassen, treten diese Probleme ohne jeden Zweifel auf. Können sie ruhig! Denn in "Meine Frau hat einen Neuen", bekommen wir Antworten auf den Umgang mit einer der schwierigsten Problemstellungen, die sich durch den unabdingbaren Wunsch einer Ehefrau ergeben, indem sie nicht fragt, sondern (wie gewohnt) von dem ihr zugedachten freien Willen schonungslos Gebrauch macht und ihr spezielles Anliegen im Tonfall auch noch mit einer unmissverständlichen Dringlichkeit zu unterstreichen weiß: "Ich will ein Pferd von dir."

Noch was? Nein, nein, nun ist aber Schluss. Na gut, ein paar Streiflichter noch. Aber ganz und gar nichts Konkretes werde ich über Zelten im April, eine Zeitreise, erlesene Weinadressen, Müllbeutel und neuen Einbauküchen, unendlichen Reichtum, fluchende Autofahrer, "frodobeutlinesken" Gangarten oder "Abendvergnügungsauslastungsgebühren" berichten ...

Jan Weilers pointierte Aussagen treffen jederzeit und wiederholt den Nagel auf den Kopf. Wir lernen auf der einen Seite viel Neues, entdecken aber auf der anderen Seite unsere eigenen Spuren und vielleicht sogar uns selbst. Der Einblick in andere Alltagssysteme ist hochinteressant, vergnüglich und geistreich. Der damit verbundene Bilck in den Spiegel der eigenen Befindlichkeiten macht Laune.

War das Tagwerk wieder einmal unbefriedigend? Alles schiefgegangen? Keinen Bock mehr auf nichts? Falls ja, dann streichen Sie einfach alle weiteren Tagesordnungspunkte und tauschen sie gegen einen Leseabend ein. Schon nach einer einzigen Geschichte sind Sie wieder geerdet! Darin liegt Sinn und Aufgabe dieses Buches sowie die Motivation des Autors, denn Alltagswirren oder schlechte Aussichten ziehen uns allzuoft nach unten, was uns aber keinesfalls verzagen lassen sollte, "denn immerhin lässt sich jederzeit ein kleiner Funken des Vergnügens aus diesem Alltag schlagen, wenn man nur will." Schön, dass es solche Bücher gibt!

 

Thomas Lawall - April 2012

 

 

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