Literatur

Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird
Eine Ermutigung

von Saša Stanišić



158 Seiten
© 2025 Luchterhand Literaturverlag
www.luchterhand-literaturverlag.de
ISBN 978-3-630-87840-9



Hin und wieder tauchen sie auf. Die Bücher, die sich in einer Art und Weise von anderen unterscheiden, die man so gar nicht erwartet hatte. Denn was soll schon Großartiges dabei herauskommen, Dankesreden, und formal geht es hier um nichts anderes, aufzuzählen?

Die Schwierigkeit, ein Publikum zu erreichen, besteht dergestalt darin, sich möglichst weit von allzu üblichen Worthülsen und vorgefertigten Satzbausteinen zu entfernen.

Nicht jedem mag es gelingen, seine Zuhörerinnen und Zuhörer vor der Langeweile oder vor dem Einschlafen zu bewahren. Für Saša Stanišić jedoch scheinen diese Hürden nicht zu existieren. Also tut er das, was er am Besten kann: Geschichten erzählen.

Da wären beispielsweise Erinnerungen an jene "mehrfach unwahrscheinliche" Mathematiklehrerin "Genossin Rozalija Mimić":

"Ihre adriablauen Augen waren Röntgenstrahler für unsere Ahnungslosigkeit."

Was für ein Glück für uns, dass er bei seinen Dankesreden liebend gerne das "Spielfeld der Sprache betritt, mit dem Publikum geistig interagiert und  peinlich genau darauf achtet, sich nicht zu erklären:

"Als müsste ich mich rechtfertigen, auch vor mir selbst, den Preis wirklich zu verdienen, mir selbst die Preisbegründung liefern."
 
Nun gibt es aber weitere Besonderheiten, die den Rezensenten persönlich getroffen haben und die er zunächst nicht bemerken konnte. Zwar sind ihm gewisse Textpassagen aufgefallen, die er wiederholt gelesen hat, doch was passierten würde, wenn er jene Zeilen, in einem privaten Rahmen, einmal laut vorlesen würde, konnte er nicht ahnen.

Ins Stocken kommen, sowie kurze Zwangspausen einlegen zu müssen, um jeweils einen Tränenausbruch zu vermeiden, waren überhaupt nicht geplant. Das ist ebenso selten wie besonders wertvoll.

In seiner "Rede an die Jugend: Mein Strom", anlässlich der Verleihung des Weilheimer Literaturpreises 2020, zeichnet er, ausgehend von dem Paradoxon, dass ein Stromkreis als Rechteck abgebildet wird, einen weiten Kreis von der eigenen Familiengeschichte bis hin in die Gegenwart der jungen Zuhörerinnen und Zuhörer.

Besonders bemerkenswert sind jene Zeilen welche die Empathie seiner Eltern beschreiben, die sie für ihn, trotz der Ereignisse rund um die Flucht nach Deutschland, aufbrachten,

"indem sie sich gegen das Prekäre stemmten, die Müdigkeiten, so gut es ging, ignorierten, und Unsicherheiten schlichtweg aushielten."

Ihre selbstlose Art und ihr Bemühen, was ungeheuer bewegend zu lesen ist, war wohl der Grundstein dafür, was der Autor später einmal in jener Rede an die Jugend im Schlussteil zu formulieren wusste. Warum dieser den Rezensenten so emotional aufwühlte? Ein Psychologe hätte sicher seine Freude daran.

Leserinnen und Leser werden jeweils andere Lieblingspassagen entdecken, schließlich ist die Auswahl an bewegenden Momenten groß.

Ein reines Phantasieprodukt ist übrigens auch noch geboten. Eine Rede, die Saša Stanišić gerne einmal in Graz halten würde. Viel Spaß bei der Suche und gute Unterhaltung beim Lesen, und überhaupt!

 

Thomas Lawall - Januar 2026

 

 

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