Literatur

Mein Europa
Gedichte aus dem Tagebuch


von Michael Krüger


256 Seiten
© 2019 Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-3470-8



Rainer Maria Rilke formulierte es sehr treffend:

"Ach mit Versen ist so wenig getan,
wenn man sie früh schreibt."

Er zeigte sich davon überzeugt, lieber ein ganzes Leben zu warten, um "ganz zum Schluss" vielleicht "zehn Zeilen zu schreiben, die gut sind".

Nun befindet sich Michael Krüger zwar im vorgerückten Alter, jedoch noch lange nicht am Ende seines Weges. Die Voraussetzungen, welche Rilke in "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" aufzählt, erfüllt er jedoch gleich mehrfach. Vielleicht würde Rilke staunen, zahlreiche Beweise in "Mein Europa" zu finden, die zweifelsfrei bezeugen, dass weit mehr als zehn "gute" Zeilen herausgekommen sind.

Bereits im zweiten Jahr ziert dieses wunderbare Reisetagebuch des Rezensenten Nachttisch. Ein paar Verse am Ende des Tages genügen, um mit dem Autor gemeinsam auf Reisen zu gehen. Dem Alltag zu entfliehen, bevor man in dunkle Regionen fällt. Noch einmal die Augen öffnen, den Blick schärfen und versuchen, mit den Augen des Dichters zu sehen.

Über Städte, Landschaften und immer eine Handbreit unter dem Himmel. Dabei ständig fokussieren und die Einzelheiten dem Gesamtüberblick keinesfalls unterordnen. Eine Stadt zu beobachten ist ihm genauso viel wert, wie der Blick auf windbewegte Blätter. Und dazwischen gibt es noch viel mehr, was zwar unsichtbar, aber trotzdem unzweifelhaft spürbar ist. Wenn wir wollen.

Und dann die wunderbaren Geschichten, die er mitten aus dem Leben abgeschrieben hat. Die am Bahnhof in Baden-Baden, kurz vor der Abfahrt nach St. Gallen. Gelbe Finger hatte der Mann, den er an jenem Tresen traf und der "einen Roman in die Luft schrieb",

"wie andere auf Wasser schreiben,
um die Welt zu retten,
die sich nicht retten lassen will
und nicht zu retten ist."

Andererseits scheint es dann wieder Hoffnungsmomente zu geben.
Bescheid wissen aber nur die Kollegen der fliegenden Zunft:

"Aber die Schwalben,
weit unter den Wolken
haben Großes vollbracht ..."
 
Die allgegenwärtige geografische Bindung, jener europäische Bezug und Auslöser, bildet in letzter Konsequenz eine Bühne, die manchmal durchaus austauschbar ist, denn jener Vogel, der ihm einst in Nantes begegnete, könnte überall beheimatet sein:

"Kam ein Vogel geflogen, pickte mich weg."    

Einfach so. Und Ende. Die Vergänglichkeit schwingt immer mit, aber wer könnte das ewig über uns schwebende Damoklesschwert schöner umschreiben als Michael Krüger? Indem er unser aller Dilemma so klar und abgeklärt formuliert, geschieht ein kleines Wunder.

Das Leben ist nun mal "kein langfristiges Unternehmen".

Was kommt, verliert seinen Schrecken und verwandelt sich in eine Art Leichtigkeit des Vergehens. Alles kann ein Buch nicht bewirken, aber das ist schon verdammt viel! Gibt es ein schöneres Krankheitsbild als "unheilbaren Optimismus"?

 

Thomas Lawall - Februar 2021

 

 

Für Fragen, Kritik und Anregungen steht unser Forum zur Verfügung

Home News Literatur Gedichte Kunst Philosophie Schräg Musik Film Garten Küche Gästebuch Forum Links Impressum