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Literatur

Mathilde und der Duft der Bücher

von Anne Delaflotte


252 Seiten
2. Auflage Juli 2011
© Rowohlt Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg
www.rowohlt.de
www.rowohlt.de/verlag/kindler
ISBN 978-3-463-40593-3



Irgendwie riecht es plötzlich seltsam im Atelier. Mathilde ist beunruhigt, kann aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Doch der Geruch nach Rauch ist eindeutig. Vielleicht hat sie oben in ihrer Wohnung etwas anbrennen lassen? Hat etwa der Dachstuhl des alten Fachwerkhauses Feuer gefangen? Sie eilt durch alle Stockwerke, doch sie kann nichts finden. Auch im Freien ist alles wie gewöhnlich. Keines der umliegenden Häuser steht in Flammen. Hat der Geruch vielleicht etwas mit dem Buch zu tun? Es muss das Buch sein ...

... und ihre Finger, die den Buchblock angefasst haben. Doch weshalb riecht das Papier derart penetrant nach Ruß? Mathilde hat begonnen, das Buch, welches ausschließlich Zeichnungen und Aquarelle einer galoromanischen Kultstätte enthält, auseinanderzunehmen. Vorsichtig zerlegt sie den Einband, um Vorsatz und Originalleder zu erhalten. Hinter dem freigelegten Buchblock findet sie ein vergilbtes Blatt Papier, welches eine Aufzählung von Familiennamen enthält. Sie findet oft solche Dinge in alten Büchern. Meist sind es vergessene Lesezeichen, doch diese Liste muss mit voller Absicht angebracht worden sein. Dennoch schenkt sie ihrem Fund zunächst keine übermäßige Aufmerksamkeit, denn jetzt muss der Buchrücken gesäubert werden. Sie entfernt den alten Leim, Zeitungspapier und Musselin und schneidet die Fäden durch. Sie versetzt das Buch "in den Zustand fliegender Blätter".

Die Originalmaterialien sollen, wenn möglich, bei der Restauration des Buches weitgehend erhalten bleiben. Der geheimnisvolle Auftraggeber hat zudem eine Frist gesetzt, welche einzuhalten Mathilde fast nicht möglich ist. Sechs Tage braucht sie gewöhnlich für die verschiedenen Arbeitsgänge eines Auftrags dieser Größenordnung. Sie muss sofort beginnen, aber sie hat noch andere Verpflichtungen, die sie, nach vorheriger Rücksprache mit den Auftraggebern, ruhen lassen muss. Der Mann hatte nicht locker gelassen. Er bräuchte das Buch dringend und würde jeden Preis zahlen ...

... jener Mann, der nach Wald, Gras, Moos und Erde roch und dessen Blick Mathilde reichlich verunsicherte. Er, "der entweder gar nichts oder alles bemerkte". Der seltsame Mann schien am Ende seiner Kräfte zu sein. Kurz bevor er den Laden verließ, brach er zusammen. Ärztliche Hilfe wollte er jedoch nicht in Anspruch nehmen. Sein Zug würde nicht auf ihn warten. Dann verschwand er. Er würde sich telefonisch wieder melden ...

Dieses Buch ist wie kein anderes. Und es ist ein Debut. Anne Delaflotte schreibt, wie andere musizieren! Der Faszination von Büchern verpflichtet, schreibt sich die freie Autorin bis ins Innenleben der geliebten Objekte. Ihre Romanfigur Mathilde, die ihre Karriere als Staatssekretärin aufgab, um als Buchbinderin ihr Glück zu suchen, zeichnet sie ebenso sorgfältig. Von Delaflottes leichter Feder gelockt und verführt, folgen wir ihr mitten in Mathildes Leben, die sich aus der Großstadt in jenen kleinen Ort in der Dordogne geflüchtet hat. Fasziniert betreten wir das kleine Fachwerkhaus in Montlaudun und sind vom ersten Augenblick an gefangen vom "Duft der Bücher" in Mathildes Atelier, dem Allerheiligsten im Erdgeschoss unter ihrer Wohnung. Ihr Großvater hatte ihr einst das wunderbare Handwerk der Buchbinderei beigebracht. Auch für ihre Liebe zu Edmond Rostands romantischem Versdrama "Cyrano de Bergerac" ist er verantwortlich ...

Neben einer spannenden Geschichte webt die in Burgund aufgewachsene Autorin außerordentlich unterschiedliche Schattierungen des Lebens mit ein. Abgebrochene Lebensentwürfe beschreibt sie ebenso sanft wie ein Familiendrama oder einen schweren Schicksalsschlag. Liebevoll modelliert sie ihre Figuren, und gibt auch den Nebendarstellern viel und wichtige Handlungsfreiheit. Der in der unmittelbaren Nachbarschaft wirkende Bäcker ist so eine Figur. Er besucht Mathilde täglich, bringt ihr einen Strudel vorbei und ihr Gemüt zum Schmunzeln. Dabei hat er seit seiner Hochzeit nichts mehr zum Lachen. Just ab jenem Tag nämlich konnte er seine Angebetete nicht mehr erheitern. Er hat aber eine plausible Erklärung dafür. Der Pfarrer muss seine Frau irgendwie verhext haben!

Da wären noch die zwei Schwestern, die einen Kolonialwarenladen führen. "Die eine ist verrückt, die andere nicht." Hochinteressant ist auch der skurrile Schuster Sébastien. Er pflegt nicht nur recht eigenwillige Öffnungszeiten seines Betriebes, sondern auch eine ebenso ungewöhnliche wie einzigartige Art und Weise, mit Konflikten umzugehen. Sein Schaufenster ist eine Mischung aus Tageszeitung und Pinnwand, wo er in einzelnen Beiträgen direkt und sehr persönlich auf Klatsch und Tratsch eingeht, nützliche Tipps gibt oder unkonventionelle Werbung für seinen Laden macht ...

"Mathilde und der Duft der Bücher" ist etwas Besonderes. Diese ungewöhnliche Liebeserklärung richtet sich nicht nur an das Handwerk der Buchbinderei, sondern an die Welt der Bücher insgesamt. Als E-Book geht dieser Roman, meiner bescheidenen Meinung nach, gar nicht! Es wäre ebenfalls eine Sünde, das Buch zu verschlingen wie einen Kriminalroman, dessen Ende man nicht abwarten kann. Dieses Buch will langsam und mit Bedacht gelesen werden, um den unterschiedlichen Eindrücken und Stimmungen Raum zur freien Entfaltung zu geben. Man würde in Eile das Wesentliche glatt überlesen.

Bücher wie diese sind selten. Für alle, die noch Zeit haben, ein Glück. Für jeden Freund gedruckter und "gebundener" Worte ein absolutes Muss!

 

Thomas Lawall - Oktober 2011

 

 

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