Literatur

Mater Dolorosa

von Jurica Pavičić


355 Seiten
© schruf & stipetic GbR 2024
www.schruf-stipetic.de
ISBN 978-3-944359-81-6



Carmen fühlt sich verantwortlich für den Tod ihrer Cousine Victoria. Zumindest eine Mitschuld schreibt sie sich zu, denn hätte sie in jenem Club ein wachsameres Auge gehabt, wären die Dinge vielleicht nicht eskaliert.

Der Besuch des "Kalahari Clubs" sollte eigentlich den Rahmen für einen gemeinsamen Abend bilden. Auch die gemeinsame Rückfahrt war geplant, doch die Dinge entwickelten sich anders. Victoria setzte sich ab, teilte per Handy mit, dass sie jemanden treffen würde.

Dieser Jemand würde sie auch abholen. Nachdem sie spät in der Nacht verschwand, erreichte Carmen noch eine weitere Nachricht. Sie solle nicht warten, da sie alleine nach Hause kommen würde. Es sollte ihre letzte Nachricht gewesen sein...
 
Eine gewisse Brisanz in diesem Mordfall entsteht nicht nur durch die Prominenz der Eltern, sondern auch und besonders durch die Ermittlungsarbeit, die sich in völlig andere Bahnen entwickelt als im Genre üblich.

Gleichzeitig entwickelt sich eine Hochspannung, die sich zunächst auf sehr leisen Sohlen geradezu heranschleicht. Nur ein einziger Fund am Tatort deutet eine Ungeheuerlichkeit an, welche die Ermittler nicht begreifen, Leserinnen und Leser aber sehr wohl...

Dieses Spiel treibt Jurica Pavičić weiter, bis die Situation während etwas, was hier nicht verraten werden soll, völlig unerwartet zu eskalieren beginnt. Das ist ganz großes Kino, wenn bestimmte Personen von einem furchtbaren Verdacht geradezu überrollt werden und zunächst nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen!

Loyalität und Wahrheit stehen sich gegenseitig im Weg, und davon lebt dieser Roman (auch). Fast spielen hier die eigentlichen Ermittlungen, ja sogar der Fall selbst, eine Nebenrolle, wenn auch eine nicht weniger dramatische.

Jurica Pavičić wechselt permanent die Erzählperspektiven, indem er die Ereignisse jeweils aus Sicht des Ermittlers Zvone, Katja, der Mutter des Mörders, und seiner Schwester Ines schildert. Die Übersicht leidet aber keineswegs darunter, da er sich zu keiner Zeit in Belanglosigkeiten verliert. Auch durch den Einblick, den er uns in die kroatische Gesellschaft gewährt, sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit, vertieft er die Lektüre wesentlich.

Viel macht auch seine bildhafte Sprache mit uns, selbst wenn er beispielsweise nur die Stadtplanungen der 70er Jahre in Erinnerung ruft, die nur wenig Parkplätze zwischen den Häuserschluchten erlaubte. Wer hätte auch gedacht, "dass irgendwann jeder Kommunist einen fahrbaren Blechuntersatz besitzen würde". Inzwischen aber stehen alle Autos wie "invasive Parasiten" herum, und überwuchern die Straßen wie "Efeu aus Metall".

Damals in den Sechzigern sah es noch anders aus. Fabriken, nicht nur in Split, brauchten Arbeiter und selbige Wohnraum. Betonbauten in großer Zahl wurden hochgezogen, die damals eine magische Anziehungskraft ausübten. Für die Menschen waren die eigenen vier Wände, Bad, Badewanne und fließendes Wasser "im Vergleich zu dem, woher sie kamen" das Paradies...

Einmal mehr demonstriert der kroatische Autor, dass ihm die Schilderung eines Verbrechens und dessen Aufklärung bei weitem nicht genügt. Er geht mit "Mater Dolorosa" weit über die Definition der Schublade "Kriminalroman" hinaus. Kein Verbrechen ist wie dieses, keine Ermittlungsarbeit gleicht dieser, und das Ende passt ebenfalls in keine Schublade.

Ein diabolisches aber sehr stilles Kammerspiel.

 

Thomas Lawall - März 2025

 

 

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