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Literatur

Märchen aus meinem Luftschutzkeller


von Oleksij Tschupa


208 Seiten
© Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-7253-3



Es ist Sommer in Makijiwka, einer ukrainischen Stadt im Industriegebiet Donezbecken. Alles geht seinen gewohnten Gang. Jedenfalls bis Oleksij Tschupa den Fokus auf ein Mietshaus und dessen Bewohner richtet.

"Krasse Omi", meint Serhij Platonow, jener Mann, der keinen Samstagmorgen kennt, und untertreibt damit nicht unwesentlich. Man hat ihm übel mitgespielt und dabei wollte er doch nur seiner Pflicht als "Junior-Bankberater" nachgehen. Mit der Aufgabe, sich um einen säumigen Kredit zu kümmern, geriet er mit Vira Serhijiwna Labuha allerdings an die Falsche. Sie führt in Wohnung 12 ein eigentümliches Regiment und das seit 30 Jahren.

"Ihr Leben bestand aus zwei Bausteinen: aus größeren und kleineren Partys." Oleksij Tschupa beginnt mit der Erdgeschosswohnung und stellt gleich auf den ersten Seiten klar, dass er seine geistreichen Betrachtungen absurder menschlicher Existenz zu allem Überfluss auch noch mit knackig-derbem Humor zu garnieren beabsichtigt. Dieses Versprechen bricht er bis zum Ende ganz und gar nicht.

In den weiteren Etagen und den jeweiligen Wohnungen stellt er uns eine ganze Reihe extrem unterschiedliche Charaktere vor, die jedoch alle etwas gemeinsam haben. Egal ob es sich um die Umstürzler Raschid und Machmed (Erdgeschoss, Wohnung 13), den Mann, der "Lenin runtergeholt" hat (Zweiter Stock, Wohnung 19), die Blumenhändlerin Ruh (Dritter Stock, Wohnung 22) oder Sascha Knallbacke (Dritter Stock, Wohnung 23), "führender Satanist des Viertels", handelt, alle haben sie etwas an der Waffel, oder sind zumindest schwer von Lebenserfahrung gezeichnet.

Extrem ambivalent gestalten sich auch musikalische Streiflichter, die mit "Cannibal Corpse", "The Prodigy" oder "Sigur Rós" so gar keinen gemeinsamen Nenner bilden. Die zuletzt genannte isländische Ausnahmeband spielt eine nicht unwesentliche Rolle in Wohnung 17. Die Geschichte von Iryna und ihrer Enkelin Olena ist, zur Abwechslung einmal, von einer rührenden Nachhaltigkeit. Mit über 70 Jahren vermag sie in die Zukunft, in jene für sie noch nicht erreichbare Region, zu sehen ...

Typisch Ukrainisches vermischt Oleksij Tschupa mit ebenso liebenswerter wie brachialer Übertreibung und scheint damit dennoch ein skizzenhaftes Bild der Wirklichkeit seines Heimatlandes zu zeichnen. Märchenhaftes geht mit der Realität Hand in Hand auf seltsamen Wegen spazieren, und beide scheinen sich zu fragen, ob es den jeweils anderen überhaupt geben mag.

Wenn dieser Roman, von zahlreichen schon vorhandenen Werken des Autors, der erste auf Deutsch erschienene ist, dann möchte man diese sehr bald kennenlernen.

 

Thomas Lawall - November 2019

 

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