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Literatur

Männerspielsachen

von Stefan Schickedanz


152 Seiten
2. Auflage
© ACABUS Verlag, Hamburg
www.acabus-verlag.de
ISBN: 978-3-86282-120-4



"So muss sterben sein." Oder so ähnlich zumindest. Es grenzt sowieso an ein Wunder, dass der Kopf noch dran ist. Die seitlichen Aufschläge mit dem Helm sind hart und wenn man bei knapp 100 Stundenkilometern mit dem Kinn das Eis berührt, dann schließt man mit dem Leben ab. Dabei sieht es in der ersten Kurve noch relativ harmlos aus. Doch die bereits ziemlich heftige Geschwindigkeit vermittelt Stefan Schickedanz die fatale Erkenntnis, dass es sich hier lediglich um einen vergleichsweise harmlosen Vorgeschmack dessen handelt, was ihn wohl in den noch folgenden 13 Kurven erwarten wird. Er hat völlig recht. Die ersten Meter auf dem Skeleton waren ein Genuss, doch dann folgt ein Albtraum, der innerhalb nur weniger Sekunden seine ganze Wucht entfacht!

Was man in einem hochgezüchteten Sportwagen fühlt, der von null auf 100 in fünf Sekunden beschleunigt, soll man angeblich vergessen können. Man ist ja direkt an dieser Geschwindigkeitsentwicklung beteiligt und führt sozusagen die Regie über die Ereignisse. Man kann weiter Gas geben, das Fahrzeug lenken, und man kann es sogar wieder abbremsen. Das alles gibt es in einem Eiskanal nicht. In der 1974 gebauten und bis heute mehrfach erweiterten Bob-, Rodel- und Skeletonbahn von Innsbruck-Igls bestehen nicht viele Möglichkeiten der aktiven Beeinflussung des zu bewegenden Untersatzes. Zum größten Teil ist man den ungeheuerlichen Flieh- und Schwerkräften mehr oder weniger hilflos ausgesetzt und vor allem: man erlebt sie hautnah und unmittelbar!

Genauso direkt und schnörkellos weiß Stefan Schickedanz uns dieses einschneidende Erlebnis zu schildern und ermöglicht dem Leser somit einen fast greifbar wirkenden Eindruck, wie sich so etwas tatsächlich anfühlt. So soll es sein und so ist es auch mit allen anderen Berichten und Reportagen aus seiner Feder. Man sieht, staunt und fährt mit ihm, egal was er anstellt. Dabei muss man zwar nicht mit allem einverstanden sein, was er so treibt oder getrieben hat. Beispielsweise wenn er als Ex-Schreiber für Spiegel Online, Men's Health, sport auto sowie Motor Klassik in den Genuss kam, das HiFi-System eines BMW M5 bei einem durchaus fragwürdigen Tempo von 320 Stundenkilometern auf einer Autobahn zu "testen", um somit ganz nebenbei einen Blick auf die Belastbarkeit sowie die speziellen Eigenschaften des Fahrwerkes zu werfen.

Da gefallen mir jene Berichte dann weitaus besser, wo der Geschwindigkeitverliebte seine Neigungen auf dementsprechend ausgebauten Rennstrecken auslebt und seine Leistungsfähigkeit mit Gleichgesinnten messen kann, statt defensiven Reiskocherfahrern (wie meinereiner) das Fürchten zu lehren und sie von der Platte zu fegen.

Brillant und auf den Punkt bringt er z.B. auch Berichte von und über gewisse Edelmarken und deren Schöpfer ins Spiel, deren Existenz mir (teilweise) bis dato verborgen blieb. Es kann womöglich an meinen finanziellen Möglichkeiten liegen oder an meinen Ansprüchen im audiophilen Bereich, die sich keineswegs im anspruchsvollen Segment bewegen (wie meine Gutgütigste des öfteren zu formulieren beliebt), sondern eher und allenfalls in der leicht getunten Mittelklasse. Umso interessanter sind die gewährten Einblicke in eine schottische High-End Schmiede oder die Motive von Menschen kennenzulernen, die in Bergisch-Gladbach Plattenspieler bauen, die ihren Besitzer für sagenhafte 5- bis 6stellige Verkaufspreise wechseln.

Locker eingestreut werden mal eben Interviews mit Popstar Smudo ("Vom Rapper zum Racer"),  Filmemacher und Designer Willy Bogner ("Film it like Bogner") und der Sozialwissenschaftlerin Dr. Christa Oppenheimer ("Wie kommt die Jungfrau zu HiFi?"). Augenzwinkernd und mit hohem Unterhaltungswert präsentiert uns der Stuttgarter Journalist seine Reportagen rund um Dinge, die Männer nunmal faszinieren - auch wenn sich der erstaunte Leser in einzelnen Fällen fragen mag, ob der ganze Edel-Plunder nun wirklich notwendig ist oder nicht. Die Frage stellt sich hier nicht und die stets auf die Menschen gerichtete Erzählperspektive erlaubt zudem Einblicke und Einsichten aus völlig anderen Blickwinkeln.

Kein Wunder also, dass wir es hier mit einer Neuauflage des erfolgreichen Buches zu tun haben. Die 2008 erschienene Erstauflage von "Männerspielsachen: Von Aggregaten, Armbanduhren und Actionsport" ist über den Versandhandel auch noch zu haben. Sie kostet mehr, hat nach meinem persönlichen Geschmack aber das schönere Cover. Mit der überarbeiteten Auflage besitzt man allerdings nicht nur das aktuellere Gesamtpaket sondern auch das um drei Euro preisgünstigere. Zu "bemängeln" wären die beiden letzten Kapitel des Buches, denn diese würde ich gerne etwas umfangreicher sehen. Dennoch sind die "Sicherheitshinweise - Was Sie auf keinen Fall tun sollten" sowie "Politisch korrekte Tipps gegen Beziehungsstress durch Männerspielzeug" im Gesamtzusammenhang ebenso nützlich wie unverzichtbar.

 

Thomas Lawall - März 2012

 

 

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