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Literatur

Leben im Mittelalter
Der Alltag von Rittern, Mönchen, Bauern und Kaufleuten


von Annette Großbongardt und Johannes Saltzwedel (Hg.)


274 Seiten
© 2014 Deutsche Verlags-Anstalt, München
www.dva.de
ISBN 978-3-421-04656-7



Bereits die erste genaue Beschreibung der christlichen Hölle war ein voller Erfolg. Die Apokalypse des Petrus (2. Jahrhundert) schürte die Angst vor einer Ewigkeit des Grauens in nur zu gut vorstellbaren Bildern. Ungerechte werden an der Zunge aufgehängt und über lodernden Flammen gebraten, während sich Wucherer mit einem See aus Eiter und Blut begnügen müssen, eindrucksvoll beschrieben im Kapitel "Strafvollzug im Jenseits".

Die Idee, von Papst Gregor dem Großen im 6. Jahrhundert entwickelt, dass nicht nur für Heiden die ewige Verdammnis vorgesehen sei, sondern auch für getaufte christliche Sünder, zahlte sich im wahrsten Sinne des Wortes aus. Da nur ein Bruchteil der Menschheit für ein gottbestimmtes Leben geschaffen ist, erfand man die Beichte, allerlei frommes Gebet, den einträglichen Ablasshandel, oder den Zwang zur Mithilfe am Bau der Kirchen.

Das konnte sich ziehen, wenn man sich einmal vorzustellen versucht, dass der Bau des Petersdomes fast 120 Jahre dauerte, oder die Errichtung des Kölner Domes insgesamt gar 630 Jahre. Auch Reliquien und deren wundersame Vermehrung waren ein einträgliches Geschäft, in jedem Fall aber für das Seelenheil ganzer Heerscharen von Pilgern zuständig.

Das Leben der Bauern gestaltete sich einfacher und karger, als es unsere Vorstellung erlaubt. Fast täglich gab es mit Honig gesüßten Getreidebrei. Die ganze Familie teilte sich einen Löffel und zu trinken gab es Molke. Auch wenn es noch so wenig gab, musste man dem Landeigner einen Teil der Ernte und des Ertrags abgeben. Was übrig blieb reichte kaum zum Leben.

Wer in den zahllosen kriegerischen Auseinandersetzungen verletzt wurde, konnte gleich sein Testament machen. Oftmals verschlimmerte die Behandlung der Ärzte das Leiden der Patienten, nachzulesen in "Blut und Galle". Doch aus Irrtümern lernt man. Meistens jedenfalls. Einige haben sich allerdings bis heute erhalten, jedenfalls was das Thema Burgen betrifft. "Trutzbau der Macht" klärt auch in diesem Bereich auf.

Fern vom Mittelalter der Unterhaltungsindustrie, die mit fröhlichem Treiben auf Märkten und spektakulären Ritterspielen und -kämpfen die Jahrhunderte zwischen 500 und 1500 zum Leben zu erwecken glaubt, bemüht sich dieses Buch, sich dem damaligen Alltag der Menschen zu nähern, aber auch die historische Vielfältigkeit nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Bandbreite der Beiträge, von SPIEGEL-Autoren in Zusammenarbeit mit renommierten Fachleuten verfasst, reicht vom Leben in den Klöstern und deren immense Bedeutung, über das entbehrungsreiche Leben der Bauern und deren Familien bis hin zu dem meist gar nicht so glanzvollen Leben der Ritter oder "vom Wagnis, einen Arzt aufzusuchen".

Die ungeheure Vielfalt eines Jahrtausends kann nur in einzelnen, themenbezogenen Kapiteln skizziert werden, und dennoch gelingt diesem Buch ein hochinteressanter Überblick über jene Zeit, die uns alle gleichermaßen erschreckt, aber auch fasziniert. Auch wir sind (immer noch) neugierig, und was kann spannender sein, als ein Blick zurück in jene Zeit, in welcher der Aufbruch in die Neuzeit einst begann.

 

Thomas Lawall - März 2015

 

 

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