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Küstenkonturen
von Kay Müller und Sven Zimmermann
340 Seiten © Charles Verlag, Hamburg 2025 www.charles-verlag.de ISBN 978-3-910408-05-0
Was haben ein Handballer, zwei Politikerinnen, ein Fußballtrainer, ein Landwirt, eine Landwirtin, ein Meteorologe, ein Reaktorfahrer, eine Lehrerin, zwei Designer, eine Politikerin, eine Tennisspielerin, eine Kulturmanagerin, eine Schauspielerin, zwei Politiker sowie ein Tontechniker und seine Frau gemeinsam?
Auf den ersten Blick wenig bis gar nichts. Sie leben oder haben in Schleswig-Holstein ihre Wurzeln, doch das nördlichste Bundesland und das Leben zwischen zwei Meeren kann nicht die einzige Gemeinsamkeit sein. Da muss es doch noch mehr geben.
Genau auf diese Suche begaben sich der Journalist Kay Müller und der Fotograf Sven Zimmermann, auch wenn dies nur die erste Vermutung des Rezensenten gewesen ist, und die Idee, die für die Entstehung dieses Buches verantwortlich ist, eine ganz andere war.
Intention und formale Aufgabenstellung gehen viel weiter. Menschen, die ihren Lebensraum teilen, sollen jeweils im Abstand eines Jahres, über einen Zeitraum von fünf Jahren interviewt und fotografiert werden. Auch Blicke in die Zukunft sind ausdrücklich erlaubt, um dann in Jahresfrist zu fragen, "was daraus geworden ist". Ein Mammutprojekt an Aufwand, Material und Logistik.
Die perfekten Porträts sprechen direkt an und beeindrucken durch ihre schnörkellose Klarheit, wodurch wieder dieser Eindruck einer gewissen Gemeinsamkeit entsteht. Es ist deshalb mehr als faszinierend, dieses Buch auch nur einmal wegen der Fotos durchzublättern.
Ganz ähnlich verhält es sich mit den Interviews. Nur ganz anders. Einfache und unkomplizierte Fragen ergeben ebensolche Antworten. Jene schaffen eine klare Abgrenzung von den Fotos und bilden dennoch eine untrennbare Einheit. Das allein ist schon eine Kunst.
Veränderung ist das Stichwort, und jene kann sehr gravierend sein. Nach einem Jahr können das große Erfolge sein, Rückschritte, der Verlust von Erträumtem, ein vollständiger Verlust desselben, oder ein völlig neu entstandener Weg. Alles jedoch kann, je nach Sichtweise und Standpunkt, Auftrieb erzeugen, denn die Zeit bleibt ja nicht stehen. Ein ambivalentes Stimmungsbild, auch vor der stets drohenden Kulisse der Vergänglichkeit.
Und immer wieder diese großartigen Bilder, die so viel sagen. Man sieht sie, aber man kann auch in ihnen lesen. Die Qualität der Fotografien knüpft ein unsichtbares Band zwischen Charakteren, die unterschiedlicher nicht sein können. Glücksmomente und Tränen vor Rührung sind gleichermaßen garantiert. Gänsehautmomente.
Was sie alle verbindet? Das zutiefst Menschliche, mit all den Unsicherheiten, Enttäuschungen, Selbstzweifeln, aber auch echter Zuversicht, Mut, Hoffnung, Aufbruchstimmung und dem Vertrauen in sich selbst, dem bedingungslosen Annehmen von Scheitern und Gewinnen.
Kann man etwas verlassen, obwohl man es liebt? Wie könnte man die Abhängigkeit von Sehnsucht loswerden? Entwickelt man sich, verändert man sich oder glänzt man durch Konstanz? Auch hierfür gibt es Antworten. Spannend schon deswegen, hier vielleicht verwertbare Impulse für sich selbst zu entdecken.
Nebenbei erwähnt sei die Tatsache, dass eine Person den Jahresrhythmus nicht einhalten wollte und die letzte Sitzung schwänzte. Wer das wohl war? Auch jene Episode gehört zu den zahlreichen Höhepunkten, die es in diesem einzigartigen Buch zu entdecken gilt...
Fotograf und Journalist haben, jeder auf seine Art, das zutiefst Menschliche herausgefiltert. Ein Konzentrat aus Leben. Einer hat genau hingesehen, einer hat genau zugehört. Eine perfekte Symbiose.
Sowohl in Wort und Bild kann man in diesem Werk, schwer an Gewicht und Inhalt, etwas Wunderbares entdecken. Seelen. Eine schönere Gemeinsamkeit kann es nicht geben. "Küstenkonturen" ist ein gelungenes "Langzeit-Projekt", welches Langzeit-Eindrücke hinterlässt.
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