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Literatur

Kind 44

von Tom Rob Smith


Goldmann Verlag, München
509 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3-442-47207-9
www.goldmann-verlag.de



1953, Sowjetunion. Nach der kommunistischen Theorie sind Verbrechen eine Folge des kapitalistischen Systems. Deshalb gibt es in der Sowjetunion keine Verbrechen. Offiziell.

In Moskau wird an Bahngleisen die übel zugerichtete Leiche eines Jungen gefunden. Offiziell wurde das Kind beim Spielen von einem Zug erfasst – ein Unfall also. Doch die Familie des Opfers redet von Mord. Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow wird losgeschickt, um die Familie ruhig zu stellen, da sie sich der antisowjetischen Propaganda schuldig macht. Doch als er selbst in die Mühlen des Systems gerät und noch einen weiteren Mord entdeckt, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln – und bringt sich damit in Lebensgefahr…

Tom Rob Smith nimmt uns in seinem Thriller mit in das Ende der Stalinära in der Sowjetunion. Die dritte große Säuberungswelle läuft, der innere Geheimdienst MGB ist die gefürchtete Macht und niemand ist sicher, dass er nicht denunziert wird. Und wer einmal verhaftet ist, ist auch sicher schuldig. Die geschichtlichen Hintergründe setzt Smith genial in seinem Plot um. Der Leser kann sich der klaustrophobisch paranoiden Stimmung nicht entziehen, zumal sich die gesamte perfide Logik des Systems vor ihm aufbaut. In dieses Setting setzt der Autor nun seinen Mörder und dessen Kontrahenten und gibt damit dem Mörder alle Vorteile in die Hand. Entsprechend ist der Höllenritt gegen das gesamte sowjetische System, den Demidow durchleben muss, um am Ende Auge in Auge mit dem Mörder zu stehen. Und das Ende bietet einiges an Überraschung…

Natürlich hat das Buch auch ein paar Schwachstellen, wenn auch wenige. Fast alle sind auf  hollywoodeske Elemente zurück zu führen. So muss selbstverständlich die Beziehung Demidows zu seiner Frau wieder ins Reine kommen und eine Flucht nicht mit einem Genickschuss enden. Wie auch Demidows unglaubliche Fähigkeit wieder auf die Beine zu kommen, wenn es brenzlig wird. Auch bleibt die Frage bestehen, ob der Mörder sein Ziel – also sein Mordmotiv – nicht auch anders hätte erreichen können.

Trotzdem hat Kind 44 mich begeistert. Ein sehr solider Thriller mit gut recherchiertem Hintergrund und einer abgrundtief düsteren Grundstimmung.

 

Stephen Koszudowski - Dezember 2010

 

 

 

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