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Literatur

Jesus und Tiberius
Zwei Söhne Gottes


von Carsten Peter Thiede


Luchterhand Literaturverlag, München
416 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-63088-009-9
www.randomhouse.de/luchterhand/index.jsp



Der renommierte Historiker und Papyrologe Carsten Peter Thiede (gest. 2004) eröffnet mit seiner Doppelbiographie in der Tradition des Plutarch einen neuen Blick auf das Leben Jesu und die politische Brisanz seines Gottessohn-Anspruchs, denn zu seiner Zeit gab es nur einen Sohn Gottes – den römischen Kaiser Tiberius.

Thiede beschreibt das Leben der beiden anscheinend unvergleichbaren Menschen und eröffnet gerade durch die Parallelen und Diskrepanzen einen neuen Blick auf beide, den Religionsgründer und den römischen Kaiser. Durch den guten und frischen Schreibstil ohne viel Fachvokabular bleibt das Buch durchgängig gut lesbar und erweckt die Welt in Palästina und Rom um das Jahr 30 zum Leben. Der einzige Wermutstropfen, für den der Autor allerdings nichts kann, sind die doch verwirrenden Familienstrukturen des römischen Kaiserhauses, insbesondere da die Namen sich teilweise doppeln.

Sehr spannend finde ich den Bogen durch die Geschichte Palästinas vom Makkabäeraufstand bis ca. 30 n. Chr. und die damit verbundene Einordnung der beiden Biographien in den größeren geschichtlichen Kontext. Auch die vielen Details, die zumindest für den aus dem normalen Religionsunterricht gebildeten Menschen neu sind, wie die Dreisprachigkeit Jesu und seine Bildung – so zitiert er aus klassischen Theaterstücken – faszinieren. Hier wird ein anderer Jesus dargestellt, als ihn die Kirche oft predigt. Und Tiberius – mal ehrlich, wer weiß als Nicht-Historiker schon viel über diese spannende Persönlichkeit des ersten Jahrhunderts. So ist das Buch in beiden Fällen ein großer Gewinn.

Der Leser bekommt durch die Einordnung in den soziokulturellen Hintergrund einen neuen Blick auf viele neutestamentliche Geschichten, der wesentlich tiefere Dimensionen des Geschehens aufgreift. Dabei bleibt Thiede auch immer quellenkritisch. Insbesondere bei den verschiedenen antiken Biographen des Tiberius setzt er sich mit den Unterschieden in der Beschreibung auseinander.
Nicht zuletzt zeigt der Autor im Vergleich des Rabbis mit dem Kaiser deutlich, dass der Anspruch, der Sohn Gottes zu sein, nicht nur den Pharisäern gegen den Strich ging, sondern auch der römischen Obrigkeit in Form von Pontius Pilatus einen guten Grund lieferte, Jesus kreuzigen zu lassen.

Der Teil über Jesus ist erfrischend objektiv, dem Leser bleibt also eine klerikale Beweihräucherung erspart, so wie er es auch von einem Historiker erwarten darf. Der Autor geht auf manche der ausgefalleneren Theorien um den historischen Jesus ein, wie etwa der Frage, ob Jesus und Maria von Magdala verheiratet waren und beantwortet sie historisch und gut begründet.

Das Buch ist jedem empfohlen, der sich für die Welt des ersten Jahrhunderts und/oder eine der beiden beschriebenen Persönlichkeiten interessiert. Viele Anmerkungen runden das Gesamtbild ab. Nur Theologen sollten vorsichtig sein – es könnte sie auf neue Gedanken bringen …

 

Stephen Koszudowski - Dezember 2010

 

 

 

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