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Literatur

Jakob schläft

von Klaus Merz


104 Seiten
© 1997 Haymon Verlag, Innsbruck
Ungekürzte Taschenbuchausgabe
Haymon Taschenbuch, Innsbruck-Wien 2014
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-85218-966-6



So war das in jenen Tagen. Der erste Stock wurde nicht beheizt. Von welchem Geld hätte man auch das Brennmaterial bezahlen sollen? Allgemeiner Treffpunkt war stets in der Küche. Hier war es warm und hier traf und versammelte sich die Familie. Hier fand das Leben statt.

Im Sommer brachten Mutters Geranien Farbe in das trostlose Einerlei. Sie hatte den grünen Daumen. "Was sie anfasste, schlug Wurzeln, blühte, trug Früchte und trieb einen Glanz in ihre matten Augen hinein, der spätestens mit den Winterastern wieder verschwand."

Klaus Merz wendet den Blick zurück in die Zeit ferner Kindheit. Das Glück hatte die Familie nicht gerade gepachtet. Der ältere Bruder starb bei der Geburt. Jakob hätte er heißen sollen. Doch nicht nur das Leben wurde ihm verwehrt. Es kam nicht zur Taufe, weshalb sich die Eltern, "eigenartig zwanghaft, an die amtliche Namenlosigkeit" gehalten haben. "Kind Renz" nannte man ihn fortan, während die Trauer am Grab "dann allmählich seltener geworden ist".

Der Vater war Bäcker und eines Tages, als er aus der Backstube zurückkam, veränderte sich alles. Etwas stimmte nicht. "Als käme er aus dem Krieg. Er war im Halbschlaf in einen Hinterhalt geraten. Die Ärzte nannten es Epilepsie."

Krank war auch der kleine Bruder. Sein Kopf wuchs zu schnell. Hydrozephalus. "Das Wort Wasserkopf hat uns das sachdienliche Leben erst später beigebracht."

Selbst die Mutter wurde nicht verschont: "Überhaupt hatte Kranksein den Vorrang in unserer Familie." Depressionen nahmen sie in Besitz ...
 
Diese kleine Besprechung ist nicht ohne die vielen Zitate ausgekommen. Klaus Merz hat mit seiner Sprache ein völlig eigenständiges Bild der Welt geschaffen. Der Klang seiner Worte ist kaum zu beschreiben. Nur er selbst kann es. Seine Sprache ist wie keine.

Jedes seiner Worte ist ein Zeit-Wort. Doch nicht nur das. Zauberer sind sie ebenfalls. Das, was man nicht sehen, beschreiben und befühlen kann, machen sie sichtbar. Handverlesen und einzeln begutachtet, von jeder Seite nochmals betrachtet und schließlich für gut befunden.

Klaus Merz denkt ein Vielfaches in sie hinein, mehr, als sie auf den ersten Blick wieder herzugeben scheinen. Doch zwischen den Zeilen atmet die Zeit, die Welt und das, was wir Leben nennen.

 

Thomas Lawall - August 2014

 

 

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