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Literatur

Jäger des verlorenen Zeitgeists

von Frank Jöricke


224 Seiten
© Solibro Verlag, Münster 2013
www.solibro.de
ISBN 978-3-932927-55-3



Hurra, endlich mal jemand, der mir die Welt erklären kann. Das passt mir insofern ganz gut, da mir schon seit einiger Zeit sämtliche Zeitgeister abhanden gekommen sind, weil sie längst erfolgreich das Weite gesucht haben. Ich konnte mit ihnen einfach nichts anfangen. Nachteil: Längst kann ich nicht mehr mitreden. Mir waren andererseits die jeweiligen Hüter des einen oder anderen Zeitgeists sowieso schon immer mehr als suspekt, so dass ein wenig Aufklärung also nicht schaden kann.

Da Frank Jöricke dies auf eine sehr unterhaltsame Weise zu Papier bringt, fällt der Einstieg nicht sonderlich schwer. Der Ausstieg allerdings auch nicht, da irgendwie alles so herrlich unverbindlich gehalten ist und man sich an gar nicht mal so wenigen Textstellen fragt, welcher Ansicht der Autor denn nun wirklich ist. Erfreulich, dass er sich andererseits unzweideutig festlegt, beispielsweise in Sachen Stephan Sulke und seinen zeitlos "hingehuschten Skizzen" oder was den ungleich "erfolgreicheren" Kollegen George Michael betrifft, der ihn mit Songs fasziniert, die "wie ein offenherziges Gespräch mit Freunden" wirken.

Die eine oder andere Zeitgeistentdeckung hat er sogar numeriert. Bemerkenswert scharfsinnig formuliert er die Nr. 8: "Der Preis der Verdrängung - Erwachsene lesen Kinderbücher und werden immer infantiler." Stimmt genau, und wenn dieser ganze Vampirmüll und sonstige Fantasykram, der Buch- und sonstige Läden seit 15 Jahren etwa überschwemmt, dann gehen auch diese Zeitwesen an mir vorbei. Dennoch entgehen mir nicht die offensichtlichen Folgen: "Zu viel Blut - wie Vampire unser Hirn leersaugen."

Genial, das wird nicht jedem gefallen - und deshalb mir ganz besonders. Dass Frechheit siegt, wusste schon Asterix der Gallier. Frank Jöricke hat mit "Jäger des verlorenen Zeitgeists" ein ganz erstaunliches Erkenntniskonzentrat geschaffen, ja, er vermag sogar ganze Jahrhunderte zu destillieren, um Einsichten, Widersprüche und Lebenslügen auf den Punkt zu bringen und sie damit schonungslos zu entlarven. Der erhobene Zeigefinger fehlt allerdings, denn weitere Interpretationen oder eventuell zu ziehende Konsequenzen bleiben dem Leser überlassen.

Früher war alles besser? Na vielen Dank - nicht erst seit gestern wissen wir, dass es zweifellos anders aber nicht besser war. Na ja ... immerhin hat James Bond noch gelebt. Das einstige Idol wurde vom Zeitgeist erschlagen. Alsdann mutierte er "zum Grönemeyer-Mann, der emotional verwundet wurde und sein Verlusttrauma zu überwinden sucht". Ja, und einen knackigen Burt Reynolds gab es auch noch. Keine Spur dem heutigen Schönheitsideal entsprechend, kam dieser männliche Mensch ohne Sixpack und Epillierer aus.

Herrlich. Die Menschheit ist schon ein kauziger Haufen. Unser innerer Dschungel kann aber etwas Gesundrodung vertragen, bevor man ernsthaft zu "nostalgieren" beginnt. "Jäger des verlorenen Zeitgeists" kann helfen, indem vielleicht das eine oder andere verschlossene Türchen geöffnet wird. Und wem die Last der Erkenntnis zu groß werden sollte, kann man sich ja ein Poster von Gary Grant in die Bude hängen, oder einen Stuhlkreis auf Facebook gründen, vielleicht ... oder gar einen ganz neuen Zeitgeist erfinden.

 

Thomas Lawall - Mai 2013

 

 

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