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Literatur

Inseln


von Klára Hůrková


64 Seiten
© Edition Thaleia, St. Ingbert 2019
www.edition-thaleia.de
ISBN 978-3-943382-12-9



Es scheint gar nicht so einfach zu sein, den klaren und einfachen Blick einer Lyrik auf ein längeres Format zu dehnen. Kommen dann noch Erwartungshaltungen der Leser hinzu, wird es kompliziert. So auch im Fall der zehn Kurzgeschichten, die Klára Hůrková anbietet. Erst auf den zweiten Blick sieht es, wie gewöhnlich, ganz anders aus. Doch zunächst eine oberflächliche Ansicht.

Nicht selten fragt man sich: Ja und? Was will uns diese Geschichte sagen? Schon vorbei? Und was passiert jetzt? Das war aber etwas dünn. Wo ist der Zauber geblieben? Gerne hätte man mehr erfahren, die einfache Struktur durchbrochen und hinter die Kulissen geschaut. Da scheint aber gar nichts zu sein.

Es ist wie in Filmen, insbesondere in jenen, die mit sehr langen Einstellungen arbeiten und schon deshalb nie zum Blockbuster werden. Man ist sie nicht mehr gewohnt, diese Bilder, die nur um ihrer selbst wegen existieren. Sie treiben die Handlung nicht voran und das wirft Fragen auf. Der Moment zählt nicht mehr. Man sieht ihn nicht. Es muss ständig weitergehen.

Genau das passiert in "Inseln". Bei oberflächlicher Betrachtung ergibt sich in "Den Nebel wegdenken" wahrlich nicht viel. Annika geht in Alaska auf eine Wanderung, verliert sich im Nebel, der sich alsbald wieder auflöst. Glücklich und zufrieden findet sie zurück zu ihrem Auto. Na fein. Mehr Langeweile ist fast nicht möglich.

Nun könnte es aber sinnvoll sein, den Text etwas genauer zu lesen oder einfach noch einmal von vorne zu beginnen. Vielleicht wird man sich dann in der Tundra und in jener "Ahnung" von den hier sich versteckenden Tieren verlieren. Dann kommen diese langen Einstellungen. Annika wird zu einem "Teil der Landschaft". Sie ist einfach nur da "ohne Wünsche, ohne Ängste, ohne Gedanken". So nebenbei wird Annika Titel und Motto des Buches gerecht, indem sie sich auf einer "Insel" zu befinden scheint. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der weitere Fortgang der Geschichte ist Nebensache. Es zählen die Momente dieses kurzen Lebensabschnitts, nicht das Auto, mit dem sie wieder nach Hause fährt.

Vor diesem Hintergrund lesen sich alle Geschichten anders, egal ob es sich um jene Sandra handelt, die sich einst geschworen hatte, "nie wieder zu arbeiten, nur um zu leben", oder jenes namenlose Pärchen am Meer, das sich über das "Wahrnehmende" und das "Wahrgenommene" austauscht. "Ich möchte stundenlang in die Wellen schauen und die Möglichkeit der farbigen Übergänge untersuchen, die Wahrnehmung anhalten."

Würde man ein Computerspiel besprechen, könnte man mit Fug und Recht behaupten: Das Spiel hat viele Secrets. Das größte Geheimnis birgt wohl "Der Berg". Vordergründig belanglos, was den Wanderer auf dem Weg zum Gipfel bewegt. Zwischen den Zeilen aber tobt die Macht des Zweifels. Waren einst getroffene Entscheidungen die richtigen oder doch eher kontraproduktiv? Was aber wäre, wenn die Neuentscheidung ebenfalls auf einen der zahlreichen falschen Wege führen würde?

"Inseln" passt sehr gut (auch) auf den Nachttisch. Was könnte passender sein, als den ausklingenden Tag stilgerecht zu beenden. Letzte Tagesgedanken begleitet von "Die Stille vor dem Einschlafen". Es soll ja Menschen geben, die Angst vor ihr haben. Sie verpassen etwas.

Nicht verpassen sollte man "Inseln", den Gegenentwurf zum massenkompatiblen Bestseller. Die kleineren Brötchen sind sowieso immer die besseren.

 

Thomas Lawall - September 2019

 

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