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Literatur

In stiller Wut

von Christiane Fux


304 Seiten
© 2013 Piper Verlag GmbH, München
www.piper.de
ISBN 978-3-492-30258-6



Theo Matthies nimmt seinen Beruf sehr ernst. Auch Tätigkeiten, die nicht in seinen Aufgabenbereich als Bestatter fallen, übernimmt er zuweilen gerne. Beispielsweise sollte ein Verstorbener, der keiner Kirche angehörte, nicht auf ein paar besinnliche Worte an seinem Grab verzichten müssen. Wenn sich also kein Geistlicher dazu berufen fühlt, übernimmt Theo diese Aufgabe ganz selbstverständlich, so wie es einst auch sein Vater tat.

Er ist ein nachdenklicher, sanftmütiger Mensch. Das Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint. Seit dem Tod seiner Frau Nadeshda ist nichts mehr, wie es vorher war. Als Mediziner, der er damals war, konnte er seine Frau und die ungeborene Tochter nicht retten. Er sah sich gezwungen, seinen Beruf als Chirurg aufzugeben. Den Glauben, etwas bewirken zu können, hatte er verloren, weshalb er sich in den Familienbetrieb zurückzog. Das traditionsreiche Bestattungsinstitut bestimmt nunmehr seinen Lebensmittelpunkt ... und es hält die eine oder andere Überraschung für ihn bereit!

Reinhold Lehmann ist tot. Der einstige Klassenkamerad von Theo erhält als Hartz-VI-Empfänger ein bescheidenes Begräbnis. Verwandte, Freunde oder Bekannte scheint er keine zu haben, denn nur eine einzige Person erscheint zur Beisetzung. Diese kommt mit Theo ins Gespräch und lädt ihn auf einen Drink ein, "zur Erinnerung an den Scheißkerl, der hier ruht." Theo verspürt wenig Lust, die Fremde zu begleiten, doch er ist neugierig ...

Lehmann ist nicht das einzige Opfer einer sich anbahnenden Mordserie. Die Art und Weise, wie der Mörder vorzugehen gedenkt, stellt sich als ebenso bizarr wie unorthodox dar. Die Reihe der Verdächtigen bleibt übersichtlich, doch erstaunlicherweise leidet die Spannung keineswegs darunter. Ganz im Gegenteil, denn die Suche, die unter der Regie des Bestatters läuft, gestaltet sich recht unterhaltsam.

"In stiller Wut" ist wieder eines von jenen Büchern, die neben der eigentlichen Geschichte eine ganze Menge mehr zu bieten haben. Haupt- und Nebenfiguren sind keine farb- und leblosen Marionetten, sondern Menschen mit einem Profil und einer Charaktertiefe, welche mit dem Haupterzählstrang durchaus konkurrieren können. Wenn derart starke Persönlichkeiten in ständiger Wechselwirkung mit einer originellen Geschichte stehen, kann eigentlich gar nichts schiefgehen.

Rückblenden heizen die Stimmung zusätzlich auf, und immer wieder plagen Theo Matthies Erinnerungen an Nadeshda und ihr gemeinsames Kind, das nie eine Chance hatte, diese Welt zu betreten. Auch hier gibt es Wechselwirkungen, denn einerseits scheinen die tragischen Ereignisse der Vergangenheit die Oberhand zu gewinnen, während sich andererseits gewisse Beziehungskonstellationen in andere Richtungen anbahnen.

In Sachen Humor übt Christiane Fux vornehme Zurückhaltung. Beispielsweise versteckt sie selbigen in Dialogen wie "Und Sie sind Psychologe?" "Nein. Entrümpelungsunternehmer." oder in der Namensgebung einer Breitflügelfledermaus. Professor Richard Rosenthal, ein Experte auf diesem Gebiet, benannte eines seiner "Haustiere" nach einer Romanfigur von Astrid Lindgren: "Karlsson".

Nach dem fröhlichen Rätselraten, der Auflösung des Falles und dem unerwarteten Ende der Geschichte ist man jedoch keineswegs zufrieden, denn noch spannender wäre zu erfahren, wie sich die privaten Befindlichkeiten des sympathischen Hauptdarstellers weiterentwickeln. Christiane Fux wird uns hoffentlich in der einen oder anderen Fortsetzung davon in Kenntnis setzen.

 

Thomas Lawall - August 2013

 

 

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