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Literatur

In Shitgewittern


von Jon Ronson


336 Seiten
© 2015 by Jon Ronson
Für die deutsche Ausgabe
© 2016 by J.G.Cotta`sche Buchhandlung
www.tropen.de
ISBN 978-3-608-50235-0



So kann man sich irren. Erwartet hatte der Rezensent eigentlich eine
lockere Aufzählung peinlicher Internetauftritte mit entsprechenden Reaktionen. Eine bunte Sammlung aus den Untiefen sozialer Netzwerke. Zur Unterhaltung, zum Nebenbeilesen und um den Pegel an Schadenfreude wieder aufzufüllen.

Weit gefehlt, doch es war nicht nur ein Irrtum, sondern eine positive Überraschung zugleich. Statt dem erwarteten Kuriositätenkabinett bietet Jon Ronson eine anspruchsvolle Reportage in Sachen öffentlicher Demütigungen der Neuzeit.

Er startet seine umfangreichen Recherchen, indem er zunächst eine Brücke in die Vergangenheit baut: Öffentliche Demütigungen wurden im Vereinigten Königreich 1837 abgeschafft und in den Vereinigten Staaten zwei Jahre später (Man kommt direkt auf die Idee, einmal nachzuschauen, was sich hierzulande damals getan hat. In Niedersachsen soll bereits 1717 die Prangerstrafe abgeschafft worden sein, was allerdings nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ein erster Schritt war.).

Inzwischen hat sich jedoch einiges geändert und der Londoner Journalist sieht eine "Renaissance öffentlicher Demütigungen". Zu Beginn seiner Recherchen ging es ihm zunächst darum, einmal mitzuerleben und aufzuzeigen, wie mithilfe sozialer Medien "hocheffizient Missstände wieder ins Lot gebracht wurden". Die Dinge liefen allerdings bekanntlich aus dem Ruder.

Als Beispiel schildert er Aufstieg und Fall des Jonah Lehrer, der u. a. im Zusammenhang mit falschen Bob-Dylan-Zitaten Aufsehen erregte. Der Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher entschuldigte sich später in Rahmen einer Veranstaltung der "Knight Foundation".

Nicht nur zahlreiche Journalisten waren anwesend, sondern auch die versammelte Internetgemeinde per "Twitter-Live-Feed", zugeschaltet auf einem großen Bildschirm, der hinter Lehrer platziert wurde. Auf einem kleinen Monitor konnte er die, anfangs noch positiven, Kommentare verfolgen. Der Wind drehte sich aber und die Veranstaltung verwandelte sich in ein Desaster ...

Ebenso ausführlich schildert Jon Ronson die Folgen eines Eintrages, bestehend aus nur 64 Buchstaben, welche Justine Sacco, Pressesprecherin eines US-Unternehmens, an ihre 170 Follower twitterte. Dieser zerstörte, während eines Fluges von London nach Kapstadt, ihr bisheriges Leben nachhaltig ...

Sachbücher sind trocken, langweilig und schwer verdaulich. Dieses Vorurteil weiß Jon Ronson eindrucksvoll zu widerlegen. Den Rezensenten, der zu Beginn auf leichtverdauliche Kost programmiert war, konnte er mit seiner unkomplizierten Art zu schreiben mühelos überreden, sich mit Stoff einer weitaus größeren Tragweite anzufreunden und zu beschäftigen.

Den Begriff "Medienpranger" mag jeder bisher gekannt haben. Eine konzentrierte und durchaus spannende Betrachtung der Mechanismen und Auswirkungen, insbesondere aus soziologischer Sicht, nicht unbedingt. Jon Ronson schließt diese Lücke.

 

Thomas Lawall - Februar 2017

 

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