Literatur

Im Schatten der Kraniche

von Bernadette Németh


296 Seiten
© 2026 bei Wieser Verlag GmbH
www.wieser-verlag.com
ISBN 978-3-99029-699-8



Intendant Gustav Fehr kann seinen Blick nicht von ihr abwenden. Einerseits ist es der jungen Sängerin Ida unangenehm, andererseits ist sie auf sein Wohlwollen angewiesen, denn nur durch ihn scheint sich der Weg in eine große Karriere zu öffnen. Ob ihre Großmutter Frieda wohl recht haben sollte mit ihren Worten:

"Irgend etwas muss man opfern für das Schöne."

Die österreichische Autorin rollt, sozusagen "Im Schatten der Kraniche", eine Familiengeschichte auf, die mehrere Generationen zurückreicht, und zunächst etwas verwirren mag, aber ohne die zahlreichen Rückblenden kann eine solche Reise nicht funktionieren.

Vieles erklärt sich erst im weiteren Verlauf der Geschichte, und im Vordergrund steht deshalb erst einmal die junge Sängerin Ida Kálmán, die nach einem Zusammenbruch auf der Intensivstation einer Wiener Klinik liegt und von ihrer Mutter besucht wird.

Und schon geht es mit der ersten Rückblende los, die zuerst in Idas jüngere Vergangenheit führt und, immer wieder abwechselnd, in das Leben ihrer Eltern und Großeltern.

Deren Verhaltensmuster sind ebenso aufschlussreich wie zukunftsweisend, da sich jene Muster, wenn auch in abgeschwächter Form oder nur noch in Spurenelementen erkennbar, heimlich still und leise mit Idas Lebenswirklichkeit vermischen.

Hin und wieder stimmen Passagen nachdenklich und fast erschreckend, wenn beispielsweise Idas Großmutter Frieda im Juli 1950 formuliert, dass "ein Irrer" wohl reichen würde, um ein ganzes Land zu zerstören:

"Und wer weiß, in hundert Jahren macht so einer vielleicht die ganze Welt kaputt."      

Derlei Bezüge in die Gegenwart tauchen allenthalben auf. Wahrscheinlich gab und gibt es sie in allen Zeitaltern immer wieder, jene Menschen, die in gewisser Weise in die Zukunft sehen konnten. Auch mit Personenbeschreibungen kann die Autorin faszinieren, und dies nicht nur was ihre Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller betrifft.

Beispielsweise jene Doris, Idas Gesangslehrerin. Ihr extravagantes Auftreten skizziert Bernadette Németh in durchaus wenigen Worten, aber um so prägnanter. So entstehen sofort Bilder von Personen mit hohem Wiedererkennungswert.

Der geschichtliche Hintergrund zeichnet dann wieder ganz andere Bilder und jene sind, man kann es kaum anders ausdrücken, furchtbar. Der 2. Weltkrieg war verloren und was kurz vor dem Ende im Steinbruch Sankt Margarethen, und anderswo, geschah, wirft bis heute unendlich viele Fragen auf, und der Umgang mit Frauen ganz allgemein, ob Besatzer oder Befreier, sowieso.

Fremdenhass und Antisemitismus begründeten das Finale und die SS-Schergen zogen noch einmal sämtliche Register. Das Grauen in der Grube ist namenlos und die Autorin schildert einige wenige Einzelheiten in einer Art seltsamer Beiläufigkeit, so als ob jene Brutalität etwas ganz Selbstverständliches gewesen wäre. Es musste, jedenfalls aus Sicht der Täter, einfach so geschehen.

Bernadette Németh führt uns von den Vorkriegsjahren des zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart, und streift dabei Zeiten, als man ein Pferd "für einen Topf Sauerkraut, ein paar Kannen Milch und eine Schubkarre Lehm" kaufen konnte. Sie erinnert an Menschen, die Unsägliches getan haben, aber auch an andere, die wunderbare Geschichten zu erzählen hatten, wie über jene schöne Frau, in deren Achselhöhle sich ein Mond versteckte.

Sie erzählt von Frauen, deren Schicksal im Krieg und danach scheinbar niemanden interessierte, und sie erzählt von Männern, die im Krieg verschwanden oder als andere zurückkamen, denn "ganz kehrten sie nie zurück".

Zurückblicken soll man ja nicht, meinen die einen, doch vielleicht kann die Gegenwart, wenn auch nur ein Stückchen vielleicht, etwas besser verstanden werden, wenn man verstehen lernt, wie es früher einmal war. Man könnte solche Gedanken als Nebenwirkungen dieser Familiengeschichte deuten, die übrigens so endet, wie man es auf keinen Fall vermutet hätte.

"Im Schatten der Kraniche" ist eine ambivalente Reise zurück in der Zeit, generationenübergreifend und in starken Bildern erzählt.

Und die Kraniche ziehen weiter ihre Kreise und werden von alledem nichts ahnen.

 

Thomas Lawall - Mai 2026

 

 

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