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Literatur

I'm no longer human
Gedichte


von Yousif T. Ahmed


176 Seiten
© 2021 Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-8138-2



Des Rezensenten Lieblingsverlag ist immer wieder für eine Überraschung gut, was selbiger seit Jahr und Tag immer wieder aufs Neue zu unterstreichen weiß. Lyrik ist nicht das einzige Genre, aber immer ein besonderes. Gedichte in dieser jetzt vorliegenden Vehemenz habe ich aber schon lange nicht mehr gelesen. Mit (mindestens) einer Ausnahme. Vergleiche sind bei Autoren nicht gerade beliebt, bei Lesern dann schon eher, geben sie immerhin den Hauch einer gewissen Ahnung, wohin die literarische Reise so in etwa gehen könnte. Ein weitläufiger Vergleich mit der Intensität eines Dinçer Güçyeter sei deshalb erlaubt.

Wem der Titel des Buches bekannt vorkommt, kennt sich vielleicht in der japanischen Literatur aus. Inwieweit hier Parallelen zu Dazai Osamus Figuren  zu ziehen sind, darf der Literaturwissenschaft zu entsprechenden Studien überlassen werden. Wer suchet, der wird sicherlich fündig werden.

Zum Thema Langzeitwirkung, was ja eigentlich ins Fazit gehört, könnte noch etwas gesagt werden. Nachhaltigkeit ist in aller Munde und gilt für "I'm no longer human" in einem besonderen Maß. Es kann zwar im Regal verschwinden, sich scheinbar gleichberechtigt neben all den anderen gedruckten Worten einordnen oder gar verstecken, doch wenn man sich am späten Abend dem Nachttisch nähert, auf dem es gestern Abend noch gelegen hat, liegt es prompt wieder da. Nein, mein Freund, sagt es, so schnell wirst du mich nicht los! Das hast du dir so gedacht, mein Lieber.

Yousif T. Ahmed schreibt sich die Finger wund, während wir uns die Seele wund lesen! Das, was tief ins Innere gehört, reißt er, manchmal mit brachialer Gewalt, nach außen. Dabei können und sollen Wunden entstehen. Denn nur wo Wunden entstehen, kann es auch Heilung geben. Oder auch nicht. Schließlich befinden wir uns alle auf dem Weg, "Vergangenheit zu werden".

Niemand kann bei einmaliger Lektüre der Zeilen den gesamten Wirkungskreis aufnehmen oder gar verstehen. Ob der Autor das überhaupt will, kann womöglich in Frage gestellt werden. Wenn nicht das Verstehen, steht vielleicht die Wirkung von Sprache im Vordergrund! Jenes mächtige Werkzeug, das einen Menschen ausmacht oder so etwas wie das Gegenteil.

Entscheidend ist das, was Worte auslösen oder bewirken. Widerstand zum Beispiel, wenn einem Empathie um die Ohren gehauen wird. Jenes großzügige Wohlwollen, das so oft mit entsprechenden Erwartungen verknüpft ist. Jenen Preis zu zahlen ist keine Pflicht. Eine Zwickmühle, denn Ablehnung hat ebenfalls ihren Preis. So wie das Glück, das manchmal etwas ganz anderes vorhat.

Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der geneigten Leserschaft sowie die eigene, zerlegt Yousif T. Ahmed das gesamte Kaleidoskop seiner Gedankenwelt in all seine Bestandteile, packt seine Lebenserfahrungen und den Zeitgeist gleich mit dazu, trägt dick auf, defragmentiert aber gleichzeitig munter drauf los, hört und fragt in sich hinein, erhebt Anklage und destilliert so nebenbei das Wesentliche heraus.

"Ich sinke hinab in meine Gedanken,
nicht in das, was ich sehe."

Wohl dem, der seinem Höllenritt folgen kann und keinen harmonieverklärten Weichspüler sucht. Eine unbequeme Wahrheit wird sich finden, die Brüder von Ablehnung und Protest. Ja und? Aus Unruhe kann etwas wachsen und das Mindeste was bleibt, ist eine Mischung aus Betroffenheit und Bewunderung. Das ist nicht alles, aber immerhin ganz schön viel. Ja ja, ich weiß, das muss man anders ausdrücken. Bin mir aber ganz sicher, dass es mir dereinst noch einfallen wird ...

 

Thomas Lawall - Februar 2022

 

 

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