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Literatur

Hirschkuss
Ein Fall für Anne Loop


von Jörg Steinleitner


288 Seiten
© 2014 Piper Verlag GmbH, München
www.piper.de
ISBN 978-3-492-30242-5



Kurt Nonnenmacher hält gerne Vorträge. Nicht immer kann er Dinge und Menschen richtig zuordnen, was ihn dennoch nicht davon abhalten kann, gelegentlich in sämtliche zur Verfügung stehenden Fettnäpfe zu treten. So ist Anne Loops Vorgesetzter zum Beispiel der Meinung, dass der Türke "eine ganz andere Barfußkultur wie der Bayer" hat. Vor dem Gang in die Kirche würden die Füße gewaschen, um die heilige Stätte barfuß zu betreten. Und Kirche würde das bei ihnen auch nicht heißen sondern "Moschää". Bänke zum hinsetzen gäbe es keine, dafür aber überall Teppiche. Auch dafür gäbe es eine einfache Erklärung, denn "der Türke hat wenig Holz". Zum Herstellen von Möbeln reicht es deshalb nicht. Nur zum Verheizen!

Der Witz daran ist, dass es im vorliegenden Fall gar nicht um eine Türkin geht. Hanna Nikopolidou sei eine Griechin, korrigiert Polizeihauptmeisterin Anne Loop. Nach einem Waldlauf kam sie nicht mehr zu ihrem Hotel zurück und zu Wochenbeginn taucht sie auch an ihrem Arbeitsplatz, einem großen Geldinstitut, nicht auf. Der Kollege Kastner weiß einen guten Rat beizusteuern. "Türke, das ist Kebab. Und Grieche, das ist G wie Gyros." Wie dem auch sei, die Vermisste ist auch keine Griechin, sondern eine in München geborene Deutsche. Ihre Eltern sind Griechen und führen eine entsprechende Lokalität in München.

Weder Eltern, Arbeitgeber und Kollegen sowie Hotelbedienstete können sich das Verschwinden Hannas erklären. Auch eine Befragung einiger in Hotelnähe arbeitender Waldarbeiter ergibt keinerlei Hinweise. Die Fragenberge erhöhen sich eher, zumal bei der Durchsuchung der Wohnung Hannas 100.000 Euro in bar gefunden werden. Die ebenfalls gefundenen Kontoauszüge weisen eine derartige Summe nicht aus, weshalb die Herkunft des Geldes zunächst im Dunkeln bleibt ...

Der Fall ist klar. Nämlich insofern, als zunächst einmal gar nichts klar ist. Den Leser kümmert es wenig, denn die Irrungen und Wirrungen im kleinen Polizeirevier, in jenem idyllischen Tal am See, sind erst einmal wesentlich interessanter und vor allem lustiger. Allen voran das seltsame Gespann der Verantwortlichen, bestehend aus Dienststellenleiter Kurt Nonnenmacher, der aus dem Rheinland stammenden Polizeihauptmeisterin Anne Loop und dem Kollegen Sepp Kastner.

Während Nonnenmacher durch Inkompetenz in fast allen Zuständigkeitsbereichen "glänzt", hat die gewiefte Polizeihauptmeisterin stets das Heft in der Hand, da sie nicht mit dem Vorschlaghammer ermittelt, sondern mit Herz und Verstand. Dennoch hat sie, wie der stets zurückhaltende Kastner, mit privaten Problemen zu kämpfen, welche sie im Gegensatz zu ihrem Kollegen jedoch durchaus anders zu meistern weiß.

Jörg Steinleitner beginnt seinen neuen Kriminalroman mit verhaltenem Tempo. Handlungsgerüst und Ausdruck wirken ein wenig statisch, selbst die ersten Gags wollen nicht zünden, wie zum Beispiel der Vergleich eines bayerischen Fischgerichts mit einem ebenso kimonotragenden wie traktorfahrenden Bauernverbandspräsidenten.

Das ändert sich jedoch, indem der Autor sehr bald mit unfreundlichen Details, die Haupthandlung betreffend, nicht spart, und im Gegensatz dazu die humoristische Komponente ordentlich ausbaut. Doch damit nicht genug, denn die privaten Probleme seines Ermittlerteams spitzen sich ebenfalls nicht unwesentlich zu.

Der Leser sieht sich mit mehreren Spannungsbögen konfrontiert, und möglichst schnell und am besten gleichzeitig möchte er wissen, wie es an der jeweiligen Baustelle weitergeht. Wo sind die nächsten Fettnäpfe für den Dienststellenleiter, wie geht es mit Annes neuem Lover weiter, findet Kastner endlich eine Partnerin ... und welche unerfreulichen Details, schaurig kommentiert von Rechtsmediziner Johnny Fritzenkötter, gibt der schon sehr merkwürdige Fall noch preis?

Dramatisch-originelle Mischung aus provinzieller Gemütlichkeit und weiblicher Intuition. Besser als jeder "Schlumpffilm mit Wurstsalat"!

 

Thomas Lawall - April 2014

 

 

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