Literatur

Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich es genauso gemacht

von Mieze Medusa


320 Seiten
© 2025 Residenz Verlag GmbH
www.residenzverlag.at
ISBN 978-3-7017-9331-0



Ja klar, was den Titel des Buches betrifft: Kann doch jede/r sagen! Aber: Im Prinzip ist es doch genau umgekehrt, oder wie? Wenn man so schlau wie heute wäre, hätte man doch damals alles anders gemacht, oder? So oder anders könnte man erste Abwehrreaktionen formulieren.

Wie auch immer, immerhin macht diese Fragestellung neugierig, und bildet die Grundlage einer ersten große Spannungskurve in Mieze Medusas neuestem Roman. Wie mag wohl Hauptperson Melanie zu dieser recht unpopulären Einsicht gekommen sein?

Das ist spannend, vorausgesetzt man lässt sich voll und ganz auf eine sehr private Lebensgeschichte ein. Melanie befindet sich nach der Trennung von Vincent, als seine zweite Ex, sozusagen in einem freien, aber doch irgendwie kontrollierten Fall. Schauplatz: Wien.

Dieser wird zu einem nicht unerheblichen Teil durch die besten Freundinnen Sam und Ines aufgefangen, ohne die sich Melanie ein Leben nicht mehr vorstellen kann. Sie selbst gestaltet sich ihren neuen Lebensabschnitt auch nicht ganz unkreativ. Hier spielen der neue Job in einem unkonventionellen Hotel, eine Bekanntschaft namens "The Raff", sowie Cousin Theo und seine "Alm" jeweils spannende Rollen.

Noch spannender ist aber die Art und Weise, wie die in Wien lebende Autorin diese Geschichte aufs Papier bringt. Sie erzählt sehr gerne, viel und ebenso ausführlich, was die Gefahr von Langatmigkeit birgt. Könnte man jedenfalls (fälschlicherweise) meinen.

Gewisse Längen gibt es tatsächlich, doch man genießt auch diese, da Mieze Medusa diese außerordentlich unterhaltsam zu gestalten weiß, egal ob es sich um eine Fahrt mit der U-Bahn handelt, Baden auf der Donauinsel, rustikale Arbeiten in Theos Waldbestand, die Folgen einer unüberlegten SMS oder wie es nach einem "Doggystyle" weitergeht.

Ferner arbeitet sie mit sehr starken Sprachbildern, welche die Charakterisierungen von Haupt- und Nebendarsteller/innen zu einem Lesevergnügen der besonderen Art gestaltet, und schon mal ein ganzes Kapitel ausfüllen können.

Aber auch in der Kürze trifft es die Autorin, am Beispiel von Vincents "Hausmanagerin", Frau Katharina, auf den Punkt:

"Sie behandelte Melanie auf die Art höflich, wie Menschen mit Manieren Luft behandeln, die einen zu starken Geruch hat, um sie völlig zu ignorieren."

Der Reichtum an Metaphern kommt natürlich auch der Gegend rund um Wien, als auch und besonders der Stadt selbst, zugute, was übrigens kein Reiseführer auch nur annähernd auszudrücken vermag:

"In Österreich muss man nicht präzisieren, was gemeint ist, wenn man von der Stadt spricht. Es gibt nur eine."

Selbst einem besonderen Licht schenkt sie eine Sprache:

"Schau mich an. Denk an nichts anderes. Ich bin allumfassend, ich bin da... ich bin ein Himmel, schau hoch zu mir."

Schweigen kann eine enorme "Lautstärke" besitzen, eine Götterdämmerung kann man "inhalieren", eine Person kann aussehen "wie Urlaub am Meer", oder Sehnsucht kann "Tsunamistärke" erreichen.

Nach diesen Passagen kommt man jeweils zunächst nicht weiter. Das sind Zeilen, die zum Verweilen einladen. Den Moment genießen, bevor er allzu schnell wieder weiterzieht.

Melanies Tochter ist mit ihrem Vater und dessen neuer Partnerin nach Neuseeland gezogen. Auf Unterhaltszahlungen hat Melanie verzichtet. Man traf eine eher umgekehrte Regelung. Die Auswirkungen der Trennung spielen die zweite Geige, die räumliche Trennung von ihrer Tochter die erste.

"Weiter weg als Neuseeland geht nur, wenn man den Planeten verlässt."

Dieses Buch zu verlassen, ist ebenfalls schwierig. Das Wechselspiel zwischen unendlich viel Zwischenmenschlichem, aber auch Grundsätzlichem öffnet neue Horizonte. Am Ende ist es so, als ob man die eine oder andere Person irgendwoher zu kennen scheint. Und übrigens: Auch die Wahl des Titels ist jetzt stimmig.

Dickes Buch, kleiner Schriftgrad (Lesebrillen, wenn nötig", aktualisieren), randvoll mit Leben, keine Längen, keine Langweile, und Männer nur als Randnotizen, denn Melanies Befindlichkeiten und ihr Lebensweg, sowie der ihrer Begleiterinnen, sind spannender.

 

Thomas Lawall - Januar 2026

 

 

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