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Literatur

Haarmann


von Dirk Kurbjuweit


318 Seiten
© 2020 Penguin Verlag
www.penguin-verlag.de
ISBN 978-3-328-60084-8



Hitler hat in München geputscht. Er sitzt in Untersuchungshaft. Gerne gibt man sich der Vorstellung hin, wie sich wohl alles entwickelt hätte, wenn aus der U-Haft etwas Längerfristiges geworden wäre! Dem ist aber nicht so. Die Zeichen der Zeit stehen anders. Die Weichen sind gestellt. Der Boden bestellt. Das gesunde Volksempfinden sehnt sich nach Sicherheit, Recht und Ordnung, all jenen Werten, welche ihnen die Weimarer Republik nicht bieten kann ...

Vor dem Hintergrund jener fatalen Entwicklungen schildert Dirk Kurbjuweit die Geschichte des legendären "Totmachers", wobei sich diese Bezeichnung nur auf den von Romuald Karmakar inszenierten Spielfilm bezieht, der die Befragung Haarmanns durch einen Psychiater nachstellt. Der wahre Totmacher, Rudolf Pleil, war erst gut zwanzig Jahre später aktiv.

Durchaus real ist aber die sich immer deutlicher abzeichnende Stimmung im Volk, und Stimmen wie diese mehren und multiplizieren sich:

"Die Republik kann ja nicht einmal unsere Jungs schützen."

Der scheinbare Widerspruch von Freiheit und Sicherheit ist für die junge Demokratie eine harte Belastungsprobe und extreme Fälle wie jener des Massenmörders Fritz Haarmann gießen (zusätzlich) Öl ins Feuer ...

Rund um die undankbare Ermittlungsarbeit Robert Lahnsteins baut der Autor historisch belegte Fakten ein, die in ihrer Konsequenz und Vehemenz so etwas wie ungläubiges Entsetzen auslösen, zumindest dann, wenn man noch nie etwas von diesen Geschehnissen, die sich 1918-1924 in Hannover zugetragen haben, gehört haben mag.  

Schwierig insofern aber auch, wenn man in Unkenntnis der Vorfälle sowie den geschichtlichen Zusammenhängen zwangsläufig nicht alle Personen richtig zuordnen kann. Wer war real und wer nicht? So hat beispielsweise der zitierte, fiktive Ermittler einen sehr realen Vorgesetzten, den Reichswehrminister im ersten Kabinett Scheidemann und späteren Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover, Gustav Noske. In anderen "True-Crime-Romanen" hat sich deshalb ein entsprechendes Register bewährt.

Nicht ganz unanstrengend sind die privaten Befindlichkeiten Robert Lahnsteins, die nicht so recht in den realen Bezug passen wollen, aber ausführlichst in Länge und Breite gewalzt werden. Dies als reines Füllmaterial zu deklarieren wäre aber insofern falsch, als der Autor damit eine klare Absicht verfolgt. Wie sonst sollte man den Zwiespalt erklären, der zwischen den beruflichen Notwendigkeiten und den gesellschaftlichen Erwartungen liegt, die internen, bis heute nicht restlos geklärten Probleme noch gar nicht inbegriffen, denn in den eigenen Reihen stimmte etwas ganz und gar nicht ...

Und mit der Sexualität einiger Menschen, den am "17.5." geborenen, ebenfalls nicht, wie man überzeugt war. Homosexualität galt als ekelhaft, unnatürlich und war unter Strafe gestellt. Lesenswert sind auch diese Passagen, insbesondere jene sensibel formulierten, die in eigener Sache entsprechende, zaghafte Beobachtungen und Erfahrungen machen ...

So ist "Haarmann" nicht nur das Portrait eines unbarmherzigen Mörders, sondern auch die Skizze einer Epoche, die in der Intensität ihrer Darstellung, auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, auch heute noch ein nervöses Unbehagen erzeugen kann. Am 19. Dezember 1924 wurde der Serienmörder Fritz Haarmann zum Tode verurteilt. Einen Tag später wurde ein künftiger Massenmörder aus der Festungshaft in Landsberg am Lech entlassen ...

 

Thomas Lawall - Mai 2020

 

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