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Literatur

Grundlsee

von Gustav Ernst


120 Seiten
© 2013 Haymon Verlag,
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-7045-4



John möchte wissen, ob seine Geschwister und die Eltern einst alle gemeinsam im Grab liegen würden. Sein Vater kann ihm dies bestätigen und sogleich meldet John noch einen weiteren Wunsch an: Er möchte "dann mehr bei Papa liegen". Bella meldet ihrerseits Ansprüche an, denn sie möchte bei beiden liegen. Die Kinder können sich in ihrer Vorstellungskraft eine praktische Umsetzung ihrer Wünsche aber nicht vorstellen. Denn wenn John mehr beim Papa liegen würde, könne sie unmöglich genau zwischen beiden Eltern liegen. Wenn John näher bei Papa liegen würde, würde sie ja überhaupt nicht bei ihm liegen. John erwidert. "Das geht dann eben nicht."

Schließlich einigt man sich darauf, dass nur noch Knochen von ihnen übrig bleiben und diese nicht so viel Platz benötigen würden. Man könnte sie dann zu gleichen Teilen auf die Eltern verteilen oder praktischerweise einfach irgendwie mischen. Klar ist, dass sich die Knochen sehr lieb haben werden. Nur die Knochen von der kleinen Lili bekommen ein extra Grab. Mutter protestiert und beendet die Diskussion mit ihrer eigenen Sicht der Dinge. "Alle eure Knochen liegen da, hier, in der Mitte, wo mein Herz gewesen ist."

Wenn ich in meiner Rezension von "Beste Beziehungen" von in zwischenmenschlichen Abgründen wuchernden fauligen Geschwüren, deftigen Gewaltdarstellungen sowie sexuellem Missbrauch berichten musste, so lösen sich in "Grundlsee" die angespannten Erwartungen ganz schnell ins Nichts auf, denn der Autor scheint eine Wandlung der grundlegenden Art erfahren zu haben.

Nunmehr richtet Gustav Ernst den Blick auf eine (nahezu) intakte Familie und deren kleines Glück, welches in den alljährigen Sommerferien im Ferienhaus am Grundlsee seinen Höhepunkt findet. Eingebunden in die Aufgaben und Pflichten als Eltern sind die Tage mit den drei Kindern ausgefüllt bis zum Rand. Der siebenjährige John, Bella mit ihren fünf Jahren und Kleinkind Lili fordern Aufmerksamkeit in den unterschiedlichsten Schattierungen.

Gustav Ernst schildert den Tagesablauf anhand von, auf den ersten Blick sehr trocken wirkenden, Dialogen. Fast könnte einem das ständige "Ich sage:", "sagt bella", "John sagt", "sagt meine Frau", "sage ich" usw. gehörig auf die Nerven fallen, sähe man nicht auf den zweiten Blick die Eindringlichkeit, die jenes ungewöhnliche Stilmittel hervorruft. Brisant wirkt auch die Erzählperspektive des Vaters, die sich im Verlauf des Werkes genauer erklärt und begründet, und dem Szenario eine fast lyrische Dimension verleiht.

Es braucht in "Grundlsee" nicht diese gewaltigen Verschachtelungen der einschlägigen Familienopern, jener schwergewichtigen Dramen, die sich in schier endlos wirkenden Einzelheiten und Charakterisierungen verlieren. Gustav Ernst hat seine Sicht der Dinge und die damit verbundene Dramatik auf ein Mindestmaß reduziert. Intellektuelle Gebirgsformationen braucht es hier nicht. Klarheit und Einfachheit entwickeln hier eine ganz besondere Stimmung ...

... die sich aber in der auf mehrere Generationen angelegten Geschichte durchaus ändern. In der einstigen Familienidylle genügen spartanische Dialoge, die in ihren simplen Strukturen ein glasklares Abbild jener Zeit abzubilden in der Lage sind. Fast könnte man meinen, dass sich die Eltern nicht unbedingt viel zu sagen hätten - doch jene randvoll gefüllten Tage ließen ein Mehr gar nicht zu. Erst als die Kinder ausziehen, beginnen sich die Dinge in andere Richtungen zu entwickeln. Unvermutete Fragen schleichen sich ein. Das Leben nimmt Fahrt auf und verzweigt sich. Die Dialoge werden länger. Fragen und Forderungen auch. "Ich will meine Babys wieder haben. Ich will nicht, dass ich nicht sehe, wie es ihnen geht."

Fazit: Szenen einer Familie. Menschen, die es nicht mehr gibt. Faszinierende Reise über Generationen. Konzentrat aus Leben. Wunderbar und furchtbar zugleich. Erinnerungen an glückliche Tage, den schleichenden Verfall, die sich anschließende Suche nach jener verlorenen Zeit, sowie die Erkenntnis: "Wie schnell alles hin wird." Die letzten fünf Seiten des Romans sind (im Zusammenhang gesehen) mit das Bewegendste, was ich jemals lesen durfte. Schon längere Zeit habe ich kein Buch mehr aus dem Haymon Verlag gelesen. Jetzt weiß ich, was mir gefehlt hat!

 

Thomas Lawall - April 2013

 

 

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