Literatur

Glaszeit

von Leh-Wei Liao


288 Seiten
© 2026 Luchterhand Literaturverlag
www.luchterhand-literaturverlag.de
ISBN 978-3-630-87839-3



Novana geht es gar nicht gut. Auf einer Toilette scheint die Situation zu eskalieren. Kabine und Boden bewegen sich. Schwindel und Panik breiten sich aus und eine Ohnmacht scheint sich anzuschleichen.

Mit letzter Kraft findet sie zu sich zurück, doch ihre Kräfte sind für den Moment erschöpft. Die Verabredung mit ihrer neuen Bekanntschaft muss sie absagen. Vermeintliche Notfälle auf der Station sind immer eine gute Ausrede.

Es war ein Schock gewesen, ihre Mutter, eine taiwanesische Künstlerin, plötzlich und ohne jede Vorwarnung auf einem großen Werbedisplay in der unterirdischen Taipei Mall, zu sehen.

Sofort trifft sie eine Flut von Kindheitserinnerungen und wie sie von ihrer Mutter, im Alter von zwölf Jahren, ohne ein Wort verlassen wurde. Das war vor achtzehn Jahren, und nun brechen alle Wunden wieder auf.

Die Installationen ihrer Mutter, die bereits in Europa zu sehen waren, bewegen sich im Rahmen "individueller Entscheidungen im sozialen Gefüge der Gegenwart". Nichts unmittelbar Greifbares. Jedenfalls für den Moment. Novana recherchiert weiter, bis sie inhaltlich Genaueres findet. Und (auch) dies stürzt sie in ein existenzielles Desaster.

Fortan vermischen sich Kindheitstrauma und ihr Alltag als Ärztin auf einer Station für Neugeborene nahezu nahtlos. Hinzu kommt jene neue Bekanntschaft, die eine ganz andere Dynamik in die Ereignisse bringt. Sihan lernte sie in einer Karaokebar kennen. Sie war dabei, als jenes Werbedisplay eine Lawine ins Rollen brachte.

"Sihan war diejenige gewesen, die mich zusammenhielt, die mein Auseinanderfallen mit ihrem Körper auffing, und zusah, wie ich wieder Kind wurde."

Leh-Wei Liao erzählt sehr direkt und unmittelbar eine Geschichte, die sich sofort in vermeintlich körperlich greifbare Bilder verwandelt. Sie beginnt ihr wunderbares Romandebüt mit Erinnerungen, wobei bereits die ersten Zeilen sehr viel versprechen. Etwas schonungslos Offenes und Intensives kündigt sich an.

Das, was versprochen wurde, wird gleich mehrfach übertroffen und gipfelt in Novanas Nachforschungen, welche die neueste Kunstaktion ihrer Mutter betreffen. Hier prallen individuelle Selbstdefinitionen ungebremst mit voller Wucht zusammen.

Auch hier bleibt sich die Autorin treu, indem sie ebenso schlicht wie sachlich formuliert, und dabei Worte zwischen den Zeilen versteckt, die man sehr gut lesen kann, auch wenn sie unsichtbar sind.

Wohin mit einem derartigen Konflikt? Gibt es einen Weg? Wie hält man sich selbst und sein Leben unter Kontrolle? Was passiert, wenn einem jeder Boden unter den Füßen weggerissen wird?

Leh-Wei Liao führt Leserinnen und Leser auf direktem Weg heran.

 

Thomas Lawall - Oktober 2026

 

 

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