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Literatur

Geschichten aus dem Hinterhalt

von Teddy Podgorski


166 Seiten
2. Auflage 2010
© Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-85218-644-3



Die "Wirklichkeit" des Fernsehens ist nicht zu ergründen. Künstler versuchen nicht selten, die Wirklichkeit zu ändern, um uns die "Wahrheit" präsentieren zu können. Im Fernsehen ist das natürlich umgekehrt, denn dort existiert eine andere Wirklichkeit. Teddy Podgorski kann ein Lied davon singen, insbesondere wenn ihn hin und wieder längst vergessene Peinlichkeiten, "die man nach dem Prinzip der Vergangenheitsverklärung längst gelöscht hat", auf grausame Art und Weise einholen. So die ihn ansprechende ältere Dame, die ihn nach seinen musikalischen Ambitionen befragt und sich sehr sicher ist, dass sie ihn schon Klavier spielen gehört hat. Sicher war sie sich ebenfalls, unverkennbare Ähnlichkeiten mit ihrem Bruder ausmachen zu können und sie wisse natürlich auch, dass er der "Herr Nidetzky" sei! In diesem Zusammenhang erfahren wir auch, was es mit dem "Mannswörther Syndrom" auf sich hat. Genauer gesagt geht es um den Unterschied des äußeren Erscheinungsbildes von Herrn Kulenkampff privat und in "Wirklichkeit" ...

Herrlich sind diese "Geschichten aus dem Hinterhalt", wobei der Titel im Nachhinein eher verwirrt, denn Podgorski erzählt keineswegs aus einer hinterhältigen Position. Vielmehr faszinieren ihn die zahllosen Geschichten in unserer Geschichte, die alle gar nicht erzählt werden könnten, weil dafür schlicht der Platz fehlt. Deshalb greift er gut dreißig Episoden mitten aus dem Leben heraus und skizziert diese auf ebenso einfache, wie ausdrucksstarke Weise. Hierbei hebt er aber nicht, wie eine schwarze Gestalt, die in einer dunklen Ecke kauert, mahnend den Zeigefinger, sondern erfreut sich und uns an den kleinen aber eindrucksvollen Anekdoten, die das Leben täglich in mannigfaltigen Farben diktiert.

Geht es in "Liebestod" um die traurigste aller Geschichten, gelangt der Autor in "Die Geschichte meiner Schreibmaschine Olympia International Ser.Nr. 6849" zu erstaunlichen Erkenntnissen, was die grundsätzliche Geräuschentwicklung beim Schreiben betrifft.
Als Mitbesitzer des geschichtsträchtigen Wiener Innenstadtlokals "Gutruf" dürfen natürlich einige Episoden aus der Qualtinger-Zeit, in welcher das Lokal von Hannes Hoffmann geführt wurde, nicht fehlen. Helmut Qualtinger kommt selbstverständlich persönlich zu Wort und beweist sich als genialer Konfliktlöser am Telefon!
Den Traum vom Fliegen kann man sich auch in einer kleinen Wohnung realisieren, denn wenn die Mittel für eine entsprechende Halle fehlen, müssen eben die Möbel etwas beiseite gerückt werden. Ob eine gute Ehe solche Aktivitäten aushält, erfahren wir in "Airborn" ebenso wie das Ergebnis mangelhafter Vorbereitungen und Planungen, was die Größe der fertigen Bauteile des Flugzeugs betrifft. Die genauen Maße der Fensterrahmen sowie die entsprechenden Gegebenheiten im Treppenhaus sollten unbedingt vorab berücksichtigt werden.
Österreich soll das Land der Provisorien sein, was mir bis dato noch gar nicht bekannt war. Teddy Podgorski liefert in "Provisorium" den ebenso kurzen wie bündigen Beweis. Welch Ungemach in diversen Lokalitäten durch überhöhten Alkoholgenuss entstehen kann, erläutert er in "Olympia" sowie in "Tabucco mit Spitz", und so ganz nebenbei erhalten wir Aufklärung darüber "Warum in manchen Zeitungsredaktionen Boxer arbeiten".
"Standard Steel" und "Der Auto-Autist" erlauben tiefe Einblicke in ausgeprägte Leidenschaften des Autors, was ausgefallene Automobile betrifft. Sind es nun die fahrbaren Untersätze der feineren englischen Art oder italienische Rostlauben ohne Bodenfreiheit!

Sehr gelacht habe ich auch über den Herrn Generalmusikdirektor, der preisgibt, weshalb er ein solcher überhaupt geworden ist; ebenfalls über die Abgründe, die sich zwischen bronzenen, silbernen und goldenen Auszeichnungen befinden, sowie einer der größten Katastrophen, die Österreich jemals heimgesucht hat. Traumatische Erinnerungen wecken der Einmarsch der deutschen Truppen 1938, die Einführung des Euro und der Ausverkauf der österreichischen Wirtschaft an deutsche Banken. Weitaus schlimmer gestaltete sich allerdings der Einmarsch des deutschen Humors ...!

Tragische Komödien sind das, zusammengetragen von einem aufmerksamen Beobachter, der Realität und Fiktion gekonnt zu mischen weiß und dabei die Schatten nicht vergisst, die seine Protagonisten mitunter überspringen (wollen) ...

 

Thomas Lawall - Februar 2011

 

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