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Literatur

Fallen und Sterben


von Katja Bohnet


364 Seiten
© 2020 Knaur Verlag
www.knaur.de
ISBN 978-3-426-52436-7



Neulich, in einer der ganz großen Hallen Deutschlands. Frei nacherzählt:

"Mooooment, bitte nicht drängeln. Herr Fitzek, das gilt auch für Sie. Wenn Sie vielleicht hier neben Herrn Strobel ... danke. Volker und Michael, sieh an, herzlich willkommen! Wir dachten an die beiden Plätze zwischen Susanne und Rita ... vielleicht möchten Sie auch ... links von Frau Jos und Herrn Brown wäre noch ein Plätzchen frei ...

Vereine bitte auf die reservierten Plätze auf Empore 3, Mörderische Schwestern e. V. bitte in die Mitte. Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Waffen an der Garderobe ... ja ... selbstverständlich ... danke ... eine für den Notfall ... gerne. Herr King ist ... ach ... mal wieder mit Porsche auf einen Ausflug ... das gönnen wir ihm, schließlich hat er nicht oft Gelegen ... Frau Hoffman, das freut uns nun besonders! Äh, Sie haben da einen Blutfleck an ... ist so? Aha. Gut. Ungewöhnlich halt, gell?

Herr Elsberg, Herr Winslow, Ihre Einladungen bitte. Entschuldigung ... Ursula, Anne, Beate ... hallo übrigens ... nehmt die beiden doch bitte gerade mit ... vielen Dank. Wir warten dann noch auf Leena, Nicola und Franz ...

... und inzwischen darf ich Sie alle recht herzlich in diesen heiligen Hallen begrüßen und mich schon einmal vorab herzlich bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Frau Bohnet bei ihrer aktuellen Lesung die Ehre zu erweisen. Fragen können Sie gerne im Anschluss ... ja ... bitte, wenn es ... wie bitte? Der Herr ganz hinten ... ach, Herr Burger, ich hab Sie gar nicht ... ja ... ja ... keine Sorge, selbstverständlich wird Frau Frost heute Abend ebenfalls hier sein.

Wie Sie alle wissen schreibt Frau Bohnet Kriminalromane, so wie die meisten von Ihnen dies ebenfalls seit vielen Jahren versuchen. Wie Sie aber auch wissen, haben Sie alle bisher nur davon träumen können, das Genre in einer auch nur annähernd adäquaten Intensität bereichern zu können. Nicht zuletzt deshalb sind Sie heute hier. In diesem Zusammenhang freut es mich ganz besonders, dass Sie sich für das nach der Lesung stattfindende Schreibseminar, unter der Leitung von Hazel Frost, vollzählig eingeschrieben haben.

"Fallen und Sterben" setzt neue Maßstäbe. Man denke nur an Kapitel 2 "Schon da", jenes filmreife Herantasten zum Tatort. Nicht ganz zufällig in der Nähe, telefoniert Rosa Lopez mit Gunnar Scholz, ihrem Chef, der sie mit nüchternen Anweisungen, welche nichts Gutes bedeuten und die sie nur mühsam, wie in Zeitlupe, an sich herankommen lässt, versorgt. Wie im Vorspann eines unheilschwangeren Leinwandthrillers ziehen Bilder des hektischen Treibens der Innenstadt, den unvermeidlichen Staus, flankiert von grauen Wohnkasernen und den Kulissen der üblichen Baustellen, hin zu einem Ort des Grauens: Berlin Alexanderplatz.

Allein diese drei Seiten sind der Beleg dafür, wie es um Bohnets Kunst bestellt ist, die wie aus dem Ärmel geschüttelt wirkt, beiläufig unverbindlich und bescheiden, sich jedoch in eine Präzision und atmosphärische Dichte steigert, welche nur durch Projektion auf eine übergroße innere Leinwand begreifbar erscheint.

Die Grenzen von Realität und Fiktion lösen sich langsam auf. Sie kennen das. In einer Lesepause ertappt man sich immer wieder dabei, sich zu fragen, ob die Räumlichkeit, in der man sich gerade befindet, Fiktion ist, weil man gerade aus der Realität gefallen ist oder umgekehrt!

So wie es uns in dieser Halle vielleicht gar nicht gibt, könnte es sich auch mit der LKA-Ermittlerin Rosa Lopez und ihrem bedauernswerten Kollegen Viktor Saizew verhalten, und doch scheint es unmöglich zu sein, jene Charaktere als banale Erfindung in entsprechenden Schubladen abzulegen. Bohnets Figuren gibt es wirklich. So oder so. So wie es uns ebenfalls nur so oder so gibt.

Den Alptraum des neuen Falles, die beiden einzigartigen, ständig mit ihren Traumata kämpfenden Hauptdarsteller und Workaholics Rosa und Viktor, sowie die neue, höchst markante schwedische Kollegin Nette Hansen erlebt man als Beobachter und mitunter als fast peinlich berührter Voyeur sehr direkt und unmittelbar.

Faszinierend und schockierend zugleich ist die Erkenntnis, dass Rosa und Viktor auf der einen Seite perfekt auf Ermittlungsebene funktionieren, im Gegensatz zum wahren Leben, was auch immer das sei, und jedes erdenkliche Verbrechen aufzuklären in der Lage sind, auf der anderen Seite aber genau jenen Mord und Totschlag brauchen, um sich selbst in der Aufklärung dieser Aufgabe zu definieren und einzig darin ihren Lebenssinn zu sehen ...

Worin liegt das Geheimnis der überwältigenden Metaphorik der Autorin, sowie die Fähigkeit, Storyboards in mühsamer Kleinarbeit in literarische Bilder zu verwandeln? Wir werden es gleich erfahren, denn jetzt habe ich das große Vergnügen, den Platz für die heutige Hauptdarstellerin freizumachen:

Frau Bohnet - bitte."

"Guten Abend." (Licht geht aus)

"Als ein Deckel über das Loch geschoben wurde, ahnte ich, dass es das Ende war ... "

 

Thomas Lawall - Mai 2020

 

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