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Literatur

Eiskalte Ekstase
Ein Frankfurt-Thriller


von Eva Lirot


240 Seiten
© Sutton Verlag GmbH, Erfurt
www.suttonverlag.de
www.sutton-belletristik.de
www.eva-lirot.de
ISBN: 978-3-86680-956-7



Etwas stimmt nicht in diesem Labor. Frau Lehnert-Meystein erwartete eigentlich Eleonore Jonathan vom Sozialpsychologischen Institut anzutreffen. Stattdessen begrüßt sie ein Kollege, der sie in die Räumlichkeiten im Souterrain begleitet. Die Bibliothekarin beschleicht ein ungutes Gefühl, zumal sie von dem anstehenden "kleinen Experiment" noch keinerlei Kenntnis hat. Lediglich das zu erwartende Honorar von 50 Euro, das ihr für eine Stunde bezahlt werden soll, ist ihr im Vorfeld angekündigt worden. In ihrer grenzenlosen Ahnungslosigkeit beginnt sie sich sogar für diesen Betrag zu rechtfertigen. Als alleinstehende Bibliothekarin wäre sie auf jede Gehaltsaufbesserung angewiesen, welche ihr Frau Jonathan als regelmäßige Besucherin der Stadtbücherei, freundlicherweise in Aussicht gestellt habe.

Dennoch folgt sie dem Kollegen, der sich nicht einmal vorzustellen gedenkt, mehr oder weniger verunsichert durch das Treppenhaus nach unten. Nochmals erkundigt sie sich nach dem Verbleib von Eleonore Jonathan, wird aber umghend vertröstet. Es hätte schon alles seine Richtigkeit. Das entsprechende Schreiben sei ja auch von ihr persönlich unterschrieben worden, wobei sie lediglich die personelle Besetzung, was die Ausführung des "institutsbezogenen Projektes" betrifft, offen gelassen hätte. Von dieser spärlichen Erklärung halbwegs beruhigt, lässt sie sich in das Laboratorium führen. Auch die von innen mit Brettern vernagelten Fenster geben ihr keinen weiteren Anlass zur Beunruhigung, da auch hierfür der nette Kollege eine recht plausible Erklärung bereithält.

Sie besichtigt ihren Arbeitsplatz und bekommt Einblick in den Aufbau der Versuchsanordnung. Zahlreiche Kabelverbindungen, ein Laptop und eine Kamera erregen ebenfalls keinen Verdacht, doch als sie ihrem "Co-Teilnehmer" vorgestellt wird, ändert sich die Situation auf einen Schlag. Von einem hellen Scheinwerferlicht angestrahlt, sitzt ein junger Mann auf einem massiven Stuhl. An Armen und Beinen ist er am Stuhl festgeschnallt und am Kopf ist eine Elektrode befestigt. Wiederum lässt sich die Bibliothekarin beruhigen, zumal der Jugendliche einen recht lebhaften Eindruck zu machen scheint. Sogar recht vorlaut scheint er zu sein. Er sei ein Enkel von Frau Jonathan, wird ihr erklärt, und dass sie hoffen würde, sein doch manchmal recht ungehöriges Verhalten mit diesem Experiment etwas relativieren zu können. Schließlich würde es sich um eine beginnende Verwahrlosung handeln, und davor müsse man die jungen Leute bewahren. Leider beginnt sich das Blatt erheblich zu wenden, doch für entsprechende Gegenreaktionen ist es jetzt zu spät ...

Jim Devcon, Dienststellenleiter im Fachkommissariat für Tötungsdelikte, hat alle Hände voll zu tun, aber weiteres Ungemach kündigt sich an. Die aktuellen Ereignisse sprengen sogar jeden ihm bekannten Rahmen. Es fängt schon damit an, dass er am Tatort des jüngsten Verbrechens den Wagen von Hans Dillinger erkennt. Es entspricht nicht gerade dem allgemeinen Szenario, den Leiter des Zentralen Rechtsmedizinischen Instituts persönlich am Tatort anzutreffen. Die Kollegen sind ebenfalls schon vor Ort, und es herrscht allgemeines Entsetzen, was den Zustand der Leiche betrifft. Sie wurde von zwei Spaziergängern gefunden, die sich bereits in der Notfallseelsorge befinden. Dillinger har schon viel gesehen und erlebt, aber eine solche Zerstörungswut noch nicht. Die gerade noch als Mann zu erkennende Leiche weist ebenso schwere wie völlig unterschiedliche Verletzungen auf. Selbst eine genaue Obduktion ergibt zunächst keinen eindeutigen Tathergang ...

Mit schauriger Präzision schildert uns Eva Lirot ein Szenario des Schreckens. Ihre diabolische Regie bedient sich einer im Ausdruck auf das Notwendigste reduzierten Sprache und lehrt uns mit ihrer schnörkellosen Direktheit das Fürchten.

Die im Klappentext versprochene Sektion der "Abgründe der menschlichen Psyche" findet allerdings nicht statt. Sie werden lediglich skizziert und in ihrer praktischen Ausführung dargestellt, was die Story insgesamt fast zu kompakt erscheinen lässt. Man hätte den Leser hier noch weitaus intensiver und vor allem länger zappeln lassen können. Der sich viel zu schnell entwickelnde Plott rauscht als eine sehr geradlinige Konstruktion an einem vorbei und ebenso schnell wird eine Auflösung angeboten. Interessant ist die Tatsache, dass in "Eiskalte Ekstase" die seelischen Befindlichkeiten der Opfer eine sehr viel genauere Zeichnung erfahren, wie das zu den Ermittlungen verdonnerte Team des zuständigen Fachkommissariats.

Zusammenfassend kann ich dennoch eine klare Empfehlung aussprechen, denn nicht jeder Leser findet die Zeit, sich durch mehrere einhundert Seiten starke Psychogramme von völlig durchgeknallten Mörderpersönlichkeiten hindurchzuarbeiten. Der Abgleich zwischen Unterhaltung und literarischem Anspruch ist immer eine Gratwanderung. Einen von vielen denkbaren Mittelwegen hat Eva Lirot mit dem dritten Fall für (den etwas blass wirkenden Ermittler) Jim Devcon zweifellos gefunden.

Das völlig überraschende Ende fehlt nicht und wieder halte ich ein Buch in Händen, welches mir den häuslichen Zeitplan grundlegend durcheinander brachte. Das Krimi-Frühjahr im Sutton Verlag kann mit diesem "eiskalten" Thriller spannender nicht beginnen ...

 

Thomas Lawall - März 2012

 

 

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