Literatur

Einsamsein
Eine Befreiungsgeschichte

von Daniel Haas


222 Seiten
© 2026: Wilhelm Goldmann Verlag, München
www.goldmann-verlag.de
ISBN 978-3-442-30233-8



Auf einen, der mit dem Begriff Einsamkeit und den damit verbundenen Zuständen und Lebensrealitäten eine Menge anfangen kann, wirkt ein solcher Titel eher wie einer, der ganz schnell übersehen oder gleich wieder vergessen wird, denn was sollte man über diesen nahezu täglich gelebten Zustand einer akzeptierten Selbstverständlichkeit nach bald siebzig Jahren noch Neues oder gar Interessantes in Erfahrung bringen können.

Wie das aber nun mal ist, siegt die Neugier des Rezensenten, und es wäre doch sicher einmal interessant zu erfahren, wie es anderen so geht. Irgendwie klar, dass so ein Abkommen mit Einsamkeit zwingend notwendig ist, wobei es der Begriff Alleinsein vielleicht eher trifft, dessen Entstehung sich mitunter ziehen kann. Praktisch, wenn in diesem Fall Geduld zum näheren Freundeskreis zählt.

Daniel Haas hat eine solche nicht immer gehabt, in gewisser Weise dann aber doch, denn wenn man sich einmal die Knüppel anschaut, die ihm das Leben, auch Schicksal genannt, zwischen die Beine geschleudert hat. Zudem handelt es sich bei ihm um einen echten Freundeskreis, also mit real existierenden Menschen, deren Bedeutung sich erst nach längerer Zeit herausstellen sollte.

Gelegentlich scheint das Leben einige völlig neue, wenn auch zynisch klingende, Fragestellungen zu erfinden, um damit das jeweilige Opfer auf eine Art und Weise zu quälen, die selbiges sich niemals hätte vorstellen können. Was zum Beispiel zieht man anlässlich einer anstehenden Sterbehilfe an?

Die entsprechenden Einkäufe gestalteten sich schwierig, denn der Autor war völlig überfordert mit der gegebenen Aufgabenstellung, "die Garderobe für das Ableben" seiner Mutter zu finden. Schließlich wollte er sich in ihren letzten Stunden und den letzten Gesprächen mit ihr keinesfalls ihrer Kritik aussetzen.

Eine Verkäuferin half ihm bei der Auswahl eines Hemdes, welches er nur einmal getragen hat. Es hängt bis heute in seinem Schrank

"wie die Requisite für ein Stück, dessen Premiere zugleich die Schlussvorstellung war."

Immerhin kündigte seine Mutter ihr freiwilliges Ausscheiden aus dem Leben drei Wochen vorher an (Zwei abweichende Termine im Buch.) Dieser Schlag mit dem emotionalen Vorschlaghammer traf Daniel Haas zum ungünstigsten Zeitpunkt, wobei hier wohl kein Zeitpunkt wirklich günstig sein kann.

Leider gestaltete sich sein Lebensweg bis zu jenem Anruf mehr als problematisch. Sein Vater beging bereits Jahre zuvor Suizid, und eine ganze Reihe eigener Probleme standen Schlange. Es sah so aus, als ob diese nicht zu bewältigen wären, was zu einer Drogensucht, Klinikaufenthalten, Burn-out und schließlich zu einem Zusammenbruch führten...

Daniel Haas holt sehr weit aus, und erzählt in starken Bildern von seiner Kindheit und Jugend, seinen Träumen und Ängsten, seiner Manie, seinem beruflichen Scheitern und seinen ebenso gescheiterten Beziehungen. Eindrucksvoll und überzeugend weiß er zu beweisen, dass eine persönliche Problematik nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, ob man nun "mit dem goldenen Löffel im Mund" aufgewachsen ist oder eben nicht.

"Einsamkeit kleidet sich in Armut und Reichtum, Schönheit und Versehrtheit, Erfolg und Scheitern - sie ist egalitär und indifferent."

Die Durchforstung und Sektion seiner eigenen Gedankenwelten sind gnadenlos analytisch, auch wenn seine Probleme, zumindest zu einem größeren Teil, nicht übertragbar sind, und jene überfordern mögen, denen sich die eine oder andere große Frage gar nicht stellt. Vielleicht stellt er sich auch deshalb gelegentlich selbst infrage, wenn er den einen oder anderen Gedanken in der Nähe von "schlimmstem küchenpsychologischem Kitsch" vermutet.

Wie dem auch sei, fühlt sich Einsamkeit auch auf einem recht hohen Niveau wohl, was die intellektuelle Waffenauswahl zur geeigneten Gegenwehr nicht gerade erleichtert. Die dementsprechende Auswahl erleichtert dieses Buch ungemein und erinnert auf eindrucksvolle Weise an Gegebenheiten, die vielleicht sogar, wenn auch zunächst relativ unbemerkt, bereits existieren.

Wenn man so tief gefallen ist, kann es eigentlich nur noch bergauf gehen. "Einsamsein" erzählt von einem, der sämtlichen Ballast erfolgreich abgeworfen hat. Wie das geht, ist (spätestens) ab dem Ende des zweiten Kapitels zu lesen. Gut, wenn man sich mit "Illusionen" auskennt.

Für alle, die keine Angst vor Erkenntnis haben, und wenn sie sich gelegentlich einmal selbst begegnen, nicht zu Tode erschrecken. Auch für jene geeignet, die ihr Alleinsein verteidigen oder gar genießen. Ein sehr ermutigender Ausblick, aus welcher Perspektive auch immer.

 

Thomas Lawall - Februar 2026

 

 

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