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Literatur

Die Unversehrten

von Tanja Paar


160 Seiten
© 2018 Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-3416-6



Das "Präludium" lässt es erahnen. Fast ist man unangenehm berührt, jedoch ohne wirklich zu wissen, wohin sich diese Szene entwickelt, was aus ihr resultiert oder wie es dazu kam. Notwendigerweise geben Rückblenden darüber Auskunft. Eines jedoch scheint klar zu sein. Ein Familiendrama wird es auf jeden Fall. Den Stein ins Rollen bringt jedoch erst jener folgenschwere "Anruf"...

Was ohne Vorwarnung auf einen hereinstürzt, ist eine Direktheit, die in dieser Form ein literarisches Inseldasein führt. Derart auf den Punkt zu kommen ist nicht alltäglich. Gegen eine Gefangennahme durch diese Intensität im Ausdruck kann man sich nur vergeblich wehren.

Tanja Paar bietet uns eine Art bereinigten Text an. Als ob sie den Rohentwurf für die Geschichte Blatt für Blatt in ein Wasserbad, unter dem Zusatz einer geheimnisvollen Substanz, gegeben hat, um alle überflüssigen Worte herauszulösen. Am Ende bleibt nur das Wesentliche zurück. Ein klares Konzentrat, im Umfang zwar reduziert, aber in seiner Wirkung um ein Vielfaches erhöht.

Von jeglichem Ballast befreit, gewinnen ihre Worte im umgekehrten Sinne an Gewicht. Es mag wie Zauberei klingen, doch die Autorin vermag Intensität durch Reduktion zu steigern. Für Leserinnen und Leser ist es wie eine Befreiung. Überall verlegt Tanja Paar direkte Bezüge. Man kann sich die gewohnte Suche im unwegsamen Gelände der Andeutungen sparen, und findet direkten und unmittelbaren, mitunter unangenehmen, Zugang zu den Personen, ihren Handlungen und deren Beweggründen.

Eine Distanz zu den handelnden Personen besteht praktisch nicht. Um so mehr trifft es mehr oder weniger hart, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man es vielleicht erwartet hätte. Wie dramatisch dies sein kann, verrät der Klappentext mit keinem Wort, und so soll dies in dieser kleinen Besprechung auch bleiben.

Es gibt sie noch, die Leseerlebnisse der ganz besonderen Art. Rührend, abstoßend, mitleiderregend und vielleicht schockierend zugleich. Auf eine gewisse Ambivalenz sollte man sich auf jeden Fall einlassen können. Und es ist von Vorteil, bestimmte Emotionen, wenigstens weitläufig, zu kennen. Beispielsweise wenn man sich fühlt wie "Meteoriten, die nach tausendjährigen Reisen in Wüsten eingeschlagen waren".

 

Thomas Lawall - Juli 2018

 

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