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Literatur

Die Schanin hat nur schwere Knochen
Unerhörte Geschichten einer Familienpsychologin


von Sophie Seeberg


336 Seiten
© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe
bei Knaur Taschenbuch
www.knaur.de
ISBN 978-3-426-78764-9



Das Cover ist wieder einmal eines von jenen, die einen gewissen Klamauk vermuten lassen, auf einem Niveau irgendwo zwischen Doku-Soap und noch seichterer Unterhaltung. Das stellt sich allerdings schnell als Irrtum heraus und somit kann man die nicht unbedingt gelungene, wohl aber verkaufsfördernde Art der Covergestaltung insofern begrüßen, als es diesem Buch dadurch gelingen möge, einen möglichst großen Leserkreis zu erreichen.

Das hätte es durchaus verdient, denn es erlaubt uns einen, aus meiner Sicht sehr spektakulären, Einblick in Familienstrukturen, die man so in der einen oder anderen Nachbarschaft nicht unbedingt vermuten würde. Selbst für den Rezensenten, der seit über 20 Jahren als Pflegevater mit dem Jugendamt zusammenarbeitet, sind die geschilderten "Zustände" zwar nicht gänzlich neu, teilweise in ihrer Intensität und Skurrilität aber weit über dem, was seinen bisherigen Erfahrungshorizont betrifft.

Zudem kommen Pflegeeltern eigentlich immer erst dann ins Spiel, wenn eine ganze Menge an vorbereitenden Maßnahmen vom Jugendamt oder in diesem Fall von Familienpsychologinnen und -psychologen geleistet wurden. Somit bietet Sophie Seeberg als Familientherapeutin, insbesondere als Sachverständige für familienrechtliche Begutachtung, mit diesem Buch Aufklärung über ein Berufsfeld, welches sich selbst für Menschen, die Kinder aus sog. sozialschwachen Familien in ihren Haushalt aufnehmen, doch meist im Verborgenen bzw. im Vorfeld abspielt ...

Der Zustand dieser und jener Kinderzimmer gibt in unzähligen Familien täglich Anlass zu heftiger Kritik. So schlimm wie im Kinderzimmer der Familie Pfeiffer wird es jedoch nur selten sein. Man dachte zunächst an eine Art Korkboden, der angenehm federte und dennoch stabil zu sein schien, bis man darauf kam, dass es sich um jahrelang festgetretenen Hasenkot handelte!

Die Vernachlässigung von Kindern nimmt vielerorts gravierende Dimensionen an. Eltern sind nicht selten restlos überfordert und lassen die Dinge einfach laufen. Dies bedeutet aber nicht in jedem Fall, dass auch eine emotionale Vernachlässigung vorliegt. Dieses herauszufinden und zu differenzieren ist die Aufgabe der Sachverständigen für das Familiengericht. Sachverstand, sehr viel Fingerspitzengefühl und ein Herz für alle Beteiligten, was die Autorin in vielen ihrer geschilderten Fälle mehr als eindrucksvoll beweist, sind die Voraussetzung für eine objektive Bewertung, die schließlich vor Gericht entsprechend maßgebliche Folgen und Auswirkungen hat.

Auch die ganz schweren Schicksale scheut die Autorin nicht, dem betroffenen Leser zu präsentieren. Die Tragöde des Herrn Sondermann ist ungeheuerlich und doch galt es auch in dieser Sache, einen kühlen Kopf zu bewahren und nach Lösungen zu suchen, die selbst in diesem Fall möglich waren. Neben aller Gesprächsakrobatik zeigt Sophie Seeberg auch ganz andere Seiten, indem sie sich gelegentlich auftretender "unprofessioneller Tränen" nicht schämt.

Wie ein solcher Beruf zu verkraften ist, mag schwer vorzustellen sein. Vieles hat die Autorin ausprobiert, doch weder Langlauf, künstlerische Betätigungen noch lautes Schreien oder andere Selbstfindungssackgassen brachten den gewünschten Erfolg. Letztlich funktionierte es nur über Humor, der in vielen Fällen hilfreich war. Wohl dosiert, und im respektvollen Abstand im stillen Kämmerlein praktiziert, war und ist er ein Segen. Und wenn es nur ein Gedanke an eine (von sehr wenigen) stümperhafte Jugendamtmitarbeiterin und ihren mangelhaften Bericht betraf. Sie hätte sie gerne gezwungen, den gesamten Bericht aufzuessen.

 

Thomas Lawall - Juli 2015

 

 

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