Literatur

Die Lungenschwimmprobe

von Tore Renberg


704 Seiten
© der Originalausgabe 2023 Forlaget Oktober AS
© der deutschsprachigen Ausgabe 2024 Luchterhand Literaturverlag
www.luchterhand-literaturverlag.de
ISBN 978-3-630-87777-8



"Das vom Erdboden verschluckte Kind". Die Köchin Elisabeth Weber hat einen schlimmen Verdacht. Die Gerüchteküche auf Gut Greitschütz brodelt. Die fünfzehnjährige Tochter des Gutsbesitzers Hans Heinrich Voigt war doch schwanger, oder nicht? Viele haben diese Schreie in der Nacht gehört. Zweifelsohne wurde hier ein Kind geboren, doch wohin ist es verschwunden?

Dabei ist die Stimmung auf dem Anwesen bereits schon schlimm genug. Neid und Missgunst breiten sich aus. Schließlich war der heutige Besitzer einst nur der Verwalter und nur durch das Erbe seiner Tante in der Hierarchie aufgestiegen. Und nun auch noch die Sache mit seiner Tochter...

Leipzig im Jahr 1681. Die fünfzehnjährige Anna Voigt wird des Mordes an ihrem neugeborenen Kind bezichtigt. Der Vater des Kindes, ein Knecht des Hofes, wurde von Hans Heinrich Voigt längst vom Hof gejagt, "wie es sich für einen Mann, der sich meiner Tochter aufdrängt, gehört!". Die Folgen hat sie allein zu tragen.

So wie viele Leidensgenossinnen ebenfalls. Tore Renberg nennt es "die traurige Melodie der Zeit". Statt die Väter in die Pflicht zu nehmen, waren viele in Not geratene Frauen zum Äußersten bereit. Hinzu kam die Hetze der Geistlichkeit, welche die Jagd auf Hexen und Zauberer nach und nach durch die Jagd auf vermeintliche Kindsmörderinnen ersetzten.

Tore Renberg entwirft ein gnadenloses Sittengemälde von einer in Voreingenommenheit vereinten Gesellschaft. Staat, Kirche und das gemeine Volk waren immer wieder erfolgreich auf der Suche nach Symbolen, die ihnen das Leid der Welt erklären konnten. Die dafür jeweils Schuldigen wurden ebenfalls schnell gefunden, weshalb so etwas wie Verantwortung schnell (auf diese) abgeladen werden konnte. Mehr als nur einmal zeichnet Tore Renberg zwischen den Zeilen deutliche Parallelen in die Gegenwart...

Dennoch: Weit war der Weg, auch und besonders in diesem ganz speziellen Fall, von "moosüberzogenen Gesetzen" bis hin in zum aktuellen Stand der Rechtsmedizin. Ein Anfang markierte die Lungenschwimmprobe, die der belesene Arzt Dr. Johannes Schreyer, angeregt durch die Schriften des niederländischen Naturwissenschaftlers Jan Swammerdam, erstmals zur Anwendung brachte.

Jene entstand nach den damals noch jungen Erkenntnissen, welche zu belegen schienen, dass ein Fötus im Mutterleib nicht atmet. "...in der Gebärmutter gab es kein Jammern, kein Wimmern...". Vielmehr gelangt erst nach der Geburt Luft in die Lungen, was die Eigenschaften des Gewebes entscheidend verändert. Im Prinzip konnte nun nahezu zweifelsfrei belegt werden, ob das Kind vor oder nach der Geburt starb.

Trotzdem keine leichte Aufgabe für den als Verteidiger bestimmten Rechtsgelehrten Christian Thomasius, der sich durch einen ganzen Katalog von Widerständen auf allen Ebenen regelrecht durchkämpfen musste.

Das gestaltet sich mühsam und langwierig, wie die Lektüre, in, leider großen, Teilen ebenso. Der historisch belegte Fall, sowie der Vorstellung einer ganzen Reihe von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten jener Tage, wird immer wieder durch ausgiebige Rückblenden unterbrochen, die sich mit deren Werdegang und Privatleben ausführlich beschäftigen.

Weitaus umfangreicher werden Annas Befindlichkeiten und besonders die ihres Vaters geschildert, was analog zur Dauer des Verfahrens sowie der jahrelangen Inhaftierung passen mag, sich letztlich aber, rund um die historisch belegten Fakten, in wirklich ausschweifende Phantasien und in eine fast ein wenig ermüdende Dimension ausdehnt.

Dies trübt den Eindruck der teilweise durchaus spannenden Lektüre, trägt aber andererseits wesentlich dazu bei, die historischen Fakten, das meist wenig erheiternde Bild dieser Zeit und insbesondere das ebenso erschütternde wie kaum erträgliche Frauenbild, aufzulockern.

Fast scheint der Atem des 17. Jahrhunderts, wie ein bitterkalter Wind, den Seiten zu entspringen.

 

Thomas Lawall - März 2025

 

 

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