Literatur

Die Farben der Grausamkeit

von Joseph Zoderer


334 Seiten
© 2011 Haymon Verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-85218-684-9



Remigius, den Ofenbauer, kannte in dieser Gegend jeder. Richard tat es weh, den uralten Kachelofen abbrechen zu müssen, doch die Jahrhunderte, in denen er seinen Dienst tat, hinterließen deutliche Spuren. Es wäre zu gefährlich gewesen, ihn weiter zu betreiben, also musste ein neuer gebaut werden, aber ein traditioneller Tiroler Bauernofen sollte es schon sein. Schließlich war das Haus 400 Jahre alt und man wollte ihm nicht die Seele herausreißen.

Richard sah dem Ofenbauer bei der Arbeit zu, wie er in dem engen Ofenloch verschwand, und da war er wieder, dieser Traum, der immer wiederkehrte. Richard sah seinem eigenen Begräbnis zu. Es war im Süden, dort wo man die Toten in Wandschächte schiebt. Mit dem Kopf voran schob man ihn in den engen Schacht, doch er war gar nicht tot! Keinen Finger konnte er rühren, nicht schreien und sich nicht wehren. Selbst ersticken konnte er nicht, denn der Betondeckel, der ihn vom Leben da draußen trennte, schloss nicht luftdicht ab und verhinderte so einen schnellen Tod.

Das Leben schlägt tiefe Wunden. Es sind die Erinnerungen. Die Zeit mit Ursula war eine andere. Eine Parallelwelt, eine Welt in der Welt. Die "Erinnerungswunden" schienen sich zu schließen, doch Richard hatte die Macht der Zeit und der eingebrannten Lebensbilder unterschätzt. Die Zeit mit Ursula begleitet ihn immer und überall. Immer ist er auf der Flucht, und sei es nur aus Furcht vor der Schuld und aus Scham. Richard, der rasende Reporter, stürzte sich in eine unglückseelige Ambivalenz. Auf der einen Seite wollte er nicht verantwortungslos sein, doch andererseits war er unterwegs, ohne ein genaues Ziel zu kennen.

Das Haus am Berg war als Fluchtburg geplant. Der Umbau des heruntergekommenen Bauernhauses eine Ablenkung. 400 Jahre stand es nun schon da und musste von Grund auf saniert werden. Eine Lebensaufgabe. Etwas Gegenständliches, das man mit allerlei Werkzeug angehen konnte. Konkret und greifbar. Ein "romantischer Zukunftstempel der Liebe, ein Bollwerk der Geborgenheit" sollte es werden. In den ersten Frühlings- und Sommermonaten schliefen Richard und Selma mit ihren beiden Kindern im Heustadel. Noch war das Haus unbewohnbar. Sie erlebten, endlich fern von Stadt und Krach, die Jahreszeiten pur und unverfälscht. Doch Richard macht es traurig und er sieht in der Schönheit der Natur auch gleichzeitig die Vergänglichkeit und die Endlichkeit allen Seins.

Ohne Macht zur Gegenwehr verfällt Richard unaufhaltsam seiner melancholischen Ambivalenz. Für eine Rückkehr ist es längst zu spät. Befreit aus dem Paradies mit Baugerüst, fährt er in die Stadt, in seine "Angstfreiheit", doch gleichzeitig sehnt er sich nach Gras- und Holzgeruch, nach Selma und den Kindern. Das Verlangen nach Ursula nimmt ihm die Luft zum Atmen, und gleichzeitig verzehrt ihn die Sehnsucht nach seiner Frau. Er schwankt ziel- und konzeptlos durch die Trümmer seiner Unerfüllbarkeiten, ist ein Spielball seiner selbst und donnert von einer Bande zur nächsten, getäuscht von seiner "Lustfreude" und einer selbstzerstörerischen Trägheit.

Unfähig, eine Entscheidung zu treffen, stürzt er sich und die, die ihm nahestehen, in ein stilles Leiden. Ahnt Selma etwas? Sie sagt nichts und doch ist ihr Schweigen so vielsagend. Weiß sie, was in ihm vorgeht? Kennt sie sein Doppelleben und spürt ihr Gegenüber?

Wenn ich es nicht selbst erfahren hätte, könnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen: ja, genau so ist es! Ich kenne das Haus am Berg, ich kenne die Wiesen und den angrenzenden Wald. Und ich kenne die Ambivalenz der Sehnsucht und des schlechten Gewissens. Ein Rettungsring kann nur die Entscheidung sein, doch dazu ist Richard nicht fähig. Selma scheint sich ebenfalls in ihr Schicksal zu ergeben ... doch darum geht es ja gar nicht. Die Geschichte spielt sich täglich ab und passiert genau zu dieser Stunde vielfach. Lug und Trug sind an der Tagesordnung. Man akzeptiert es stillschweigend, bricht aus, wehrt sich, oder geht daran zugrunde.

Entscheidend ist bei "Die Farben der Grausamkeit" nicht die Geschichte an sich. Sie mag gar banal und alltäglich sein, in Heftchenromanen tausendfach erzählt und heruntergeleiert. Beweint von unzähligen Leserinnen (Männer lesen so etwas doch nicht!), denen es selbst vielleicht nicht anders geht. Nein, es ist die Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt wird! Joseph Zoderer komponiert mit wenigen Hauptdarstellern eine Sinfonie der Gegensätzlichkeiten. Er zeichnet die Melodie eines rastlos Reisenden, der mit zwei selbstentworfenen Welten korrespondiert und sich scheinbar willenlos dem Diktat seiner eigenen Unzulänglichkeit unterwirft.

Diese monumentale Persönlichkeitsstudie entwirft ein zutiefst emotionales Psychogramm eines Menschen und lässt einem beim genaueren Studium schier die Atemluft etwas knapp werden. Man möchte vergehen in dieser Oper aus Worten. Jede einzelne Seite ist ein Kunstwerk, dazu noch ständig verbunden mit dem Wandel der Jahreszeiten, ihren Gerüchen, ihren Farben und Stimmungen. Hier verwandeln sich geläufige Leseerfahrungen in Bewunderung.

Schon jetzt gehört "Die Farben der Grausamkeit" zu meinen Büchern des Jahres 2011!

 

Thomas Lawall - März 2011

 

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