|
Der unsichtbare Mann
von Bianca Bellová
196 Seiten © 2026 bei Wieser Verlag GmbH www.wieser-verlag.com ISBN 978-3-99029-721-6
Seine Sachen sind gepackt und stehen abholbereit auf dem Hinterhof. Sie schreibt ihm, dass er sich besser beeilen sollte, sein "Zeug" zu holen. Regen wäre angesagt.
Seine Antwort kommt prompt: "Du bist wie ein kleines Kind."
Das ist Emilia wahrlich nicht. Sie macht kurzen Prozess, geht keine Umwege. Was aber so einfach aussieht, ist es ganz und gar nicht. Es dauert seine Zeit. "Emi" räumt ihr Leben auf.
Aber auch auf indirekten Wegen lauern Gefahren. Gut, wenn für alle Fälle wenigstens ein Spielzeugrevolver im Auto und ein Baseballschläger neben dem Bett bereitliegen. Die anderen rüsten ja auch auf. Nicht zuletzt wegen des Krieges, der am Horizont droht...
Um welchen Krieg es da geht, erfahren Leserinnen und Leser nicht. Auch eine Verortung und eine zeitliche Ebene fehlen. In anderen Geschichten nervt so etwas. Wo und wann spielt sich dies und jenes ab? Nicht so in diesem Buch.
Bianca Bellová gelingt der Kunstgriff, die Bühne im freien Raum zu platzieren. Es ist so, als ob sich diese Unbestimmtheit von jedem Ballast verabschiedet hat und sich auf ein Wesentliches reduziert und konzentriert. Das ist ungemein spannend, denn ohne Ablenkungen fallen wir in die Geschichte einfach mitten hinein.
Ihren Weg muss Emilia noch finden, weshalb zunächst Umwege herhalten müssen. Ihr Mann Marco, der "Suchtmediziner", hat sie verlassen. Wäre die Rückkehr in ihr Heimatdorf "Serafina" eine Möglichkeit? Könnte man dort mit der Suche beginnen?
Oder in der Vergangenheit vielleicht? In der Familiengeschichte herumkramen, um Wurzeln, Schuldige oder beides zu finden? Und wo ist dieses "Serafina" überhaupt? Die Antwort ist einfach: Überall, denn
"jeder kehrt irgendwann dorthin zurück."
Das ist einer von vielen kleinen großen Momenten in diesem Buch, wobei es auch durch eine ganze Reihe von unmittelbar greifbaren ergänzt wird. In diesem Zusammenhang stellt uns die tschechische Schriftstellerin auch eine illustre Runde von Nebendarstellern vor, die sich ihr Leben einfach anders gestalten.
Dazu gehören auch jene Menschen, die ihre Hauptperson Emilia im Rahmen ihrer Tätigkeit als Radiomoderatorin kennenlernt und vorstellt, wie der seltsame Seemann, der von seinen Abenteuern am Suezkanal erzählt, oder jener Herr, der aus Zeitungen etwas Unglaubliches bauen möchte.
Die Rückkehr in das dereinst gelebte Umfeld und das Eintauchen in die Familiengeschichte bringt Rührendes wieder ans Licht, wie zum Beispiel der unglaubliche Schatz, gefunden in einem alten Kochbuch, der aus handgeschriebenen Zettelchen mit Rezepten der Großmutter besteht.
Aber es fördert auch das furchtbare Gegenteil aus engstirnigem Schweigen zu Tage, dem ewig Unausgesprochenen und offenen Rassismus einer Gesellschaft, die sich auf sich selbst konzentrieren möchte. In diesem Zusammenhang verlor sie im Alter von nur vier Jahren ihren Vater, den "unsichtbaren Mann", und versucht in der Gegenwart mit ihrer Mutter, die 32 Jahre kein Wort mehr gesprochen hat und in einer psychiatrischen Einrichtung lebt, neue Wege zu gehen.
Formal kommt das Buch in bescheidenem Aufzug. Knapp zweihundert Seiten im handlichen Format. Ein kleines Buch, ein Kleinod, mit großem Inhalt, denn selbiger ist alles andere als bescheiden.
Wenige Worte erzählen viel.
|