Der Mönch am Meer
von Marlies Meerbusch
130 Seiten 1. Edition, 2025 © 2025 by Marlies Meerbusch www.marliesmeerbusch.de ISBN 9 798306 460499
Also, es dauert, bis die erste Leiche gefunden wird. Was andere Autorinnen und Autoren mitunter gleich in die ersten Zeilen oder Seiten packen, dauert hier etwas länger. Genauer gesagt: Vier Kapitel.
Das bedeutet aber keineswegs, dass Marlies Meerbusch den langen Vorlauf mit langweiliger, sich endlos ziehender literarischer Füllspachtelmasse gestaltet. Ganz im Gegenteil.
Es beginnt am Münchner Hauptbahnhof und sofort taucht man in das Geschehen ein, ähnlich wie zu Beginn eines guten Kinofilms. Hier wird präzise erzählt, authentisch beschrieben und eine fast impressionistisch wirkende Stimmung aufgebaut, wofür sich auch und besonders der Hauptdarsteller, Kommissar Wanninger, verantwortlich zeigt.
Seine "inneren Dämonen" vermischen sich mit der spröden Wirklichkeit, und nach dreißig Dienstjahren sieht er die Dinge mit anderen Augen, obwohl er sich bereits in jungen Jahren, zu Beginn seiner Dienstzeit, mehr oder weniger auf ureigenen Gleisen bewegte.
Der Hauptkommissar befindet sich auf dem Weg nach Rügen. Eine andere Welt zweifellos, wobei ihn bereits eine solche auf der Zwischenstation im Berliner Hauptbahnhof erwartet, denn jener hat mit dem Münchner Hauptbahnhof so gar nichts gemeinsam.
Den Grund und die Zielsetzung seiner Versetzung kennt er nicht. Sein Status ist also mehr oder weniger "nebulös". Auch der weitere Verlauf gestaltet sich, nach seiner Ankunft in Göhren, reichlich rustikal, denn die zuständige Polizeioberkommissarin "Frau Hübchen" weilt gerade in Island auf einem dreiwöchigen Malkurs...!
Schmunzelnde Leser/innen vermissen weiterhin keinesfalls einen konkreten Fall, denn nun gilt es erst einmal, eine Handvoll Einheimische kennenzulernen, und mit welcher Art von "Verbrechen" man sich im Allgemeinen auf der Insel beschäftigt. Auch die frech dreinschauende, zunächst noch namenlose, Katze auf dem Buchcover gewinnt zunehmend an Bedeutung...
Doch irgendwann passiert das Unvermeidliche. Die Leiche einer jungen Frau wird am Strand von Göhren gefunden. Auf so ein Ereignis ist man hier nicht vorbereitet, doch die Kunst der Improvisation und Dienst nach Vorschrift gehen hier eine gut funktionierende Koalition ein...
Der Rezensent hat noch nie einen "Küstenkrimi" gelesen, ist aber mit dem übergeordneten Genre einigermaßen vertraut. Deshalb möchte er hiermit behaupten, einen der originellsten Krimis, die ihm bisher begegnet sind, gelesen zu haben. Zu meckern gibt es dennoch etwas. Er ist viel zu kurz. Die Auflösung kommt einfach zu schnell. Dafür kann sie absolut überraschen und bietet einen filmreifen Showdown!
Ansonsten stimmt hier einfach alles. Marlies Meerbusch zeichnet sowohl Haupt- als auch Nebenfiguren sehr detailliert und lebensecht. Ein ungekünsteltes Gefühl für Stimmungen verschiedenster Art ist deutlich herauszulesen und lädt ein ums andere Mal zum Verweilen in diesen Situationen ein. Eine Gänsehaut und noch viel mehr sind garantiert. Auch die lebendigen Dialoge passen und wirken wie aus einem Guss.
Ihr Humor scheint von der ganz trockenen Sorte zu sein, drückt sich aber nie in platten Flachwitzen aus. Ihre Spezialität ist wohl eher eine Art spontane Situationskomik, die beispielsweise fast automatisch zu entstehen scheint, wenn grundverschiedene Charaktere aufeinandertreffen. Noch lustiger wird es, wenn man jenen Charakteren, in ihrem ursprünglichen Sinne, eigentlich ein gänzlich anderes Verhalten zuschreibt.
Wenn einem so viel Gutes wird beschert, kann man einige orthografische Störfaktoren (fast) mühelos entschuldigen. Ein etablierter Verlag samt ebensolchem Lektorat sollte sich finden lassen. Also, wer wird das Rennen machen? Verleger/innen, das ist eure Chance, denn "Kommissar Wanninger ermittelt" könnte eine, mit Sicherheit sehr erfolgreiche, Serie werden!
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