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Literatur

Das giftige Glück

von Gudrun Lerchbaum


272 Seiten
© 2022 Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-7099-8149-8



Wer hätte das gedacht? Bärlauch ist nicht mehr das, was er einst war. In Verwandtschaft mit Zwiebel, Knoblauch und Schnittlauch stehend, kennt und schätzt man ihn als Gewürz- und Heilpflanze. Doch das sprichwörtliche Blatt hat sich gewendet, denn im Wiener Umland geschieht Seltsames.

Von einem Pilz befallen, entwickelt Bärlauch Eigenschaften, die unvorsichtige Sammler beim Verzehr von Maiglöckchen, den todbringenden Doppelgängern, immer wieder erleiden müssen. Neuerdings überlebt man den Genuss des Bärlauchs ebenfalls nicht, doch das Sterben entwickelt, im Gegensatz zu den gar nicht mal Verwandten, eine völlig andere Qualität.

Eben diese vermag Gudrun Lerchbaum sprachgewaltig in Szene zu setzen, indem sie nicht nur die halluzinogene Wirkung, sondern auch die Paradoxie der Gesamtsituation, zeitgleich und durchaus mehrdeutig schildert:

"Ein Busch loderte auf ... die Luft flirrend vor Erkenntnis."

"Viennese Weed" beschert einen angenehmen Tod. Das Unvermeidliche kommt rasch, aber völlig schmerzlos. Unumkehrbar, endgültig, doch ohne Schrecken. Der letzte Gang wird leicht. So geht man gerne, denn glücklicher kann das Leben nicht enden.

Dies hat natürlich immense gesellschaftliche Auswirkungen, die jedoch wie gewohnt recht unterschiedlich ausfallen. Die einen nutzen es zu gewollt fröhlichen Abgängen, die auf entsprechenden Partys zelebriert werden, während die Fraktion der verschwörungstheoretisch Angehauchten prompt den Begriff "Bärlauch-Lüge" kreiert. Alles wie gehabt also.

Den unübersehbaren Folgen dieses Umbruchs stellt die Autorin, zum allgemeinen Verständnis und des besseren Überblicks wegen, das Schicksal der todkranken Olga und deren Pflegerin Kiki gegenüber. Diese haben jedoch fast mehr mit sich selbst zu tun, als mit den nun vorhandenen Möglichkeiten, die über sie hereinbrechen, und für jede von ihnen eine ganze Reihe neuer Probleme entwickeln.

Ähnlich, nur ganz anders, geht es der vierzehnjährigen Jesse, die ebenfalls in privaten Katastrophen förmlich unterzugehen droht. Dabei gibt es, auch in vermeintlich gut funktionierenden Elternhäusern, in diesem Alter wahrlich sowieso genug Probleme. Jesse traf es, von ihrer Mutter verlassen, jedoch besonders hart, und mit dem Vater klappt es ebenfalls nicht wirklich.

Ob das alles gutgehen kann? Driftet die Selbstmordrate jetzt ins Unermessliche? Wurde dieser Parasit gar von "Mutter Natur oder Gottvater zur Läuterung der Menschheit geschickt"? Gudrun Lerchbaums brillantes Gedankenexperiment kann beunruhigen und stellt unendlich viele Fragen.

Wer keine billige Auflösung erwartet, wird lange vor dem Schluss der Lektüre ganz richtig vermuten, dass eine ganze Reihe jener Fragen offen bleiben wird, ja muss. Gut so! Die ausgesprochen nachhaltige Wirkung von "Das giftige Glück"" ist somit garantiert.

 

Thomas Lawall - April 2022

 

 

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