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Literatur

Das System

von Ryan Gattis


542 Seiten
Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
"The System" Copyright © 2020 by Ryan Gattis
www.rowohlt.de
ISBN 978-3-498-02538-0



Schauplatz: Los Angeles 1993, anderthalb Jahre nach den "Rodney King Riots" im April 1992. Die Gesetze der Straße sind gefestigter denn je. Auch Polizei, Justiz und Vollzug "funktionieren". Interpretationsspielraum der jeweiligen Regelwerke und eine Verzahnung derselben erzeugen jedoch nicht selten absonderliche Wechselwirkungen.

Je nach sozialer Herkunft kann das "System" Bedingungen diktieren, deren Entschlüsselung kaum mehr möglich zu sein scheint. Auch wenn alles nur Erdenkliche schief läuft, gilt es für so manch einen Betroffenen, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren, selbst wenn man zu Unrecht eines Kapitalverbrechens beschuldigt wird.

Klingt seltsam, doch genau das passiert dem 17jährigen Jacob Safulu alias "Dreamer", der insofern in einen Mordfall verwickelt wird, als ein Bewährungshelfer ausgerechnet in seinem Zimmer die Mordwaffe findet.

Gemeinsam mit Omar Tavira alias "Wizard" landen die beiden zuerst in Untersuchungshaft und schließlich im L.A. County Jail. Beide wissen sie, dass hier eine Sache passiert, die sie zunächst noch nicht verstehen und zuordnen können. Stimmt hier etwas in den eigenen Reihen nicht?

Der ständige Wechsel der Erzählperspektiven erfordert eine ebensolche Aufmerksamkeit. Die ist aber sowieso gegeben, da sie sich aus den Spannungsmomenten der nicht ganz alltäglichen Story fast zwangsläufig ergibt. Die Ich-Form ist beileibe nichts Ungewöhnliches. Dass sie sich aber auf verschiedene Personen bezieht, dann eher schon.

Die Hauptpersonen und die unmittelbar an der Handlung Beteiligten kommen also jeweils aus ihrer eigenen Sicht zu Wort, was eine völlig andere, erweiterte Sicht auf die Dinge erlaubt. Ryan Gattis macht sich dann auch noch die Mühe, sich keineswegs um einen einheitlichen Wortklang zu bemühen, sondern jede einzelne Person in ihrem ganz persönlichen Sprachverständnis darzustellen, welches stark durch den jeweiligen sozialen Status geprägt ist.

Interessant ebenfalls, dass Leserinnen und Leser von Anfang an wissen, wie die Pistole in Dreamers Zimmer kam und wer dafür verantwortlich ist! Dies tut der Spannung aber keinerlei Abbruch, denn die Protagonisten wissen es eben nicht. Die zuständigen Damen und Herren sind in und mit ihren eigenen Strukturen wiederum bestens beschäftigt, weshalb es ohne Eigeninitiative nicht geht. Jene muss hinter Gittern nicht unbedingt enden.

"Dieser Ort ist im Vergleich mit der Straße eine völlig andere Bestie."

Das "System" endet hier keinesfalls. Dennoch ist es eine eigene Welt, auf die man besser nicht unvorbereitet trifft. Dreamers Kumpel "Wizard" weiß, wovon er spricht und formuliert es auf den Punkt:

"Ich kann meine Zeit absitzen. Ich habe hier draußen vorgearbeitet, damit ich da drin oben auf der Leiter stehe."

"Das System" ist ebenso ein knallharter Kriminalroman wie eine beklemmende Milieustudie, sowie eine Systemanalyse in Ansätzen. Komplex, jedoch nicht ohne überflüssige Längen, dennoch beunruhigend realistisch. Eine Geschichte aus Wut und (Ohn-)Macht.

 

Thomas Lawall - Februar 2021

 

 

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