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Das Pfarrhaus
von Carys Davies
320 Seiten Copyright © 2020 Carys Davies Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 Luchterhand Literaturverlag www.luchterhand-literaturverlag.de ISBN 978-3-630-87675-7
Wenn man in Indien im Zug unterwegs ist, und im gleichen Abteil ein Pfarrer sitzt, mit dem man ins Gespräch kommt, freut man sich über die ebenso gelungene wie nicht erwartete Abwechslung nach der langen Reise.
Wenn man dann auch noch von jenem Geistlichen eingeladen wird und noch zu allem Überfluss einen kleinen Bungalow samt Garten, wenn auch leicht verwildert, überaus günstig (zum "Missionarstarif") zur Verfügung gestellt bekommt, kann das Glück kaum größer sein.
Der englische Bibliothekar Hilary Byrd befindet sich, aus vielen und nicht zuletzt gesundheitlichen Gründen, auf einer Reise nach Indien, die auch eine Flucht ist.
Die Temperaturen in jener Stadt, in den Nilgiribergen im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, sind kaum erträglich, doch nach dem Rückzug in die Berge, in unmittelbarer Nähe zum Haus des Pfarrers, wähnt sich Hilary Byrd am Ziel seiner Träume.
Der Pfarrer lebt nicht allein. Nach dem Tod seiner Frau kümmert sich die junge Priscilla um seinen Haushalt und sämtliche damit verbundenen Arbeiten in und um das Pfarrhaus.
Auf seinen Streifzügen durch die Stadt lernt Hilary Byrd den alten Rikschafahrer Jamshed kennen, der ihn erst tage-, dann monatelang durch die nähere Umgebung fährt.
Die sehr nüchtern gestaltete und zu Beginn nahezu ereignislose Geschichte fasziniert durch die Präzision, mit der sie erzählt wird. Es scheint, dass sich hinter dieser Nüchternheit etwas verbirgt. Was, bleibt zunächst im Verborgenen, doch Leserinnen und Leser spüren es trotzdem.
"Es folgten kühle, neblige Tage, grau und mild, einer nach dem anderen."
Die bald sehr geregelten Abläufe der Geschichte lockern eine ganze Reihe bemerkenswerter Nebendarsteller auf. Da wären beispielsweise "Ravi", Jamsheds Neffe, der Countrysänger werden möchte, "Miss Moreland", eine australische Organistin, die beim Gottesdienst stets zwei Takte hinter der singenden Gemeinde zurückbleibt, oder "Gerald Cameron", der einen seltsamen Stil, seine Kleidung betreffend, pflegt.
Carys Davies beschreibt Stimmungen, Menschen und Schauplätze einfach, unkompliziert, auf den Punkt und so, als ob man sie durch eine Art Vergrößerungsglas beobachtet. Sie beherrscht es zudem, Dinge auszudrücken, die sie noch gar nicht formuliert hat!
Die Illusion, die Leserinnen und Lesern Glauben schenkt, ihr immer einen Schritt voraus zu sein, darf man sicher als seltene Kunst bezeichnen. Und ihre Schilderungen am Ende und selbiges überhaupt, erst recht.
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