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Literatur

Como. 30 Tage.

von Srđan Valjarević


232 Seiten
Deutsche Ausgabe © Schruf & Stipetic GbR, Berlin 2021
www.schruf-stipetic.de
ISBN 978-3-944359-60-1



Wie schafft es ein im Ausland nahezu unbekannter serbischer Schriftsteller, im Rahmen eines Stipendiums der Rockefeller-Stiftung, nach Italien? Noch dazu an einen Ort, der für ihn unter normalen Umständen unerreichbar ist. Schauplatz ist die real existierende Villa Serbelloni in Bellagio am Comer See, welche die Stiftung seit 1950 unterhält.

Entsprechende Bewerbungsunterlagen füllt er mit Hilfe eines Freundes aus, welcher auch den weiteren Briefwechsel übernimmt. Mit Erfolg. Eine Einladung katapultiert den ebenso jungen wie mittellosen Mann in die erlauchten Kreise der Geistes- und Naturwissenschaftler. Ziel des vierwöchigen Aufenthaltes sei die Fertigstellung eines Romans, was freilich nicht ganz der Wahrheit entspricht. Denn statt in Ruhe zu arbeiten und zu schreiben, will er im Moment "eigentlich gar nichts tun".

Die Reise tritt er trotzdem an, nachdem Flüge und Abholservice organisiert sind und neben freier Kost und Logis auch noch ein passables Taschengeld zur Verfügung steht. Von Anfang an stellt sich jedoch heraus, dass er keinesfalls auch nur halbwegs in diese Gesellschaft passt, geschweige denn zu integrieren ist. Das Land und die Leute unten im Dorf erscheinen ihm ungleich interessanter.

"Ich war so weit weg von allem."

Das, was fortan folgt, ist ebenso geistreich wie witzig und extrem unterhaltsam. Srđan Valjarević schreibt sehr direkt, ungekünstelt und versteht es wie kaum ein anderer, die Leichtigkeit des Seins einer restlos verkopften Gesellschaft gegenüber zu stellen. Als Leser/in gerät man zunächst in Versuchung, falsche Erwartungen zu entwickeln und auf ein gewaltiges Konfliktpotential zu wetten. Vergebens, denn der junge Mann hat nicht die geringste Lust, mit aller Gewalt gegen den Wind zu segeln.

Die Kunst dabei ist, im Schwimmen mit dem Strom nicht die eigene Identität zu verlieren. Diesem kunstvollen Spagat beizuwohnen ist pures, reines Vergnügen! Auch wenn ihm mitunter der Kragen platzt. Beispielsweise beim Mittagessen, wenn "dieses blöde Zeug, das man Soufflé nennt" serviert wird. "Das blödeste Essen überhaupt."

Sich den gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entziehen wird zu einem Tanz auf dem Vulkan, unterstützt durch ein ganzes Arsenal alkoholischer Getränke sowie einer schlagfertigen Dienerschaft. Hier entstehen Freundschaften genauso wie auf den abendlichen Fluchten in Bellagios Bars. Allen voran jene mit Alda, der jungen Bedienung im "Spiritual". Zwar verhindert die Sprachbarriere eine Verständigung fast vollständig, aber wozu gibt es Zeichenblöcke.

"Dieser Hügel hatte überhaupt nichts mit all dem dort unten zu tun."
                                  
Grundverschiedene Welten begegnen sich und sie lernen voneinander, auch wenn eine vordergründig urkomische Situationskomik zunächst davon ablenkt. "Como. 30 Tage." ist herrlich unkonventionell, herzerfrischend, stressvermeidend und vor allem in jeder Sekunde lebensbejahend. Rezepte dazu gibt es aber ebenso wenig wie einen erhobenen Zeigefinger.

Srđan Valjarevićs klare Sprache verzichtet auf Metapherngebirge, die oft mehr vorgaukeln, als da wirklich ist. Er schreibt auf das Wesentliche reduziert, wie es ist, manchmal sein kann und wie es eben passiert. Auf den Moment konzentriert, braucht er stets nur diesen. Das ist oft nicht viel aber genug. Was kann es eh wichtigeres geben als jene "schwerelosen Momente"?

Wieso ziert dieser wunderbare Roman eigentlich nicht die Schaufenster jeder Buchhandlung? Er kann so viel, was andere Bücher nicht können. Dieses Buch macht wieder Lust darauf, allen Widrigkeiten zum Trotz, das Leben in seiner Grundform zu leben und verdammt nochmal nur noch oder endlich das zu tun, was man tun möchte. Selbst wenn man es andererseits schon immer liebte, "nichts zu tun zu haben".

Und wer ist nun eigentlich jener namenlose Belgrader Autor, dem gegen Ende der Milošević-Ära die Ehre eines Rockefeller-Stipendiums zuteil wurde? Wohl der, den der Autor täglich im Spiegel sieht.

 

Thomas Lawall - Dezember 2021

 

 

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