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Literatur

Cherry


von Nico Walker


384 Seiten
© 2018 by Nicholas Walker
© 2019 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München
www.heyne-hardcore.de
ISBN 978-3-453-27197-5



Na ja, von diesem Roman auf "das ganze Leid und die Verdorbenheit der amerikanischen Gesellschaft" zu schließen, dürfte dann doch mehr als überzogen sein. Als Maßnahme, die Verkaufszahlen des Buches zu steigern, mag jene Behauptung eher geeignet sein.

Der namenlose Held der Geschichte, welche eher eine Aneinanderreihung von Erinnerungen darstellt, stammt aus der Mittelschicht, war ein "Sensibelchen" und seine Eltern gaben ihm "alles, was er brauchte", was aber offenbar nicht genug war. Nico Walker erzählt direkt und widersprüchlich, woran man sich in diesem Buch gewöhnen muss.

"Was ich nicht von ihnen bekam, besorgte ich mir selbst, indem ich Drogen an die Uni-Kids vertickte."

Eine andere Möglichkeit schien ihm nicht in den Sinn gekommen zu sein. Ein Umstand, der sich durch das gesamte Buch zieht. Statt das Leben in die Hand zu nehmen, ergibt man sich in Orientierungslosigkeit und lässt sich treiben. Schuld sind natürlich die Eltern, die ihren Sohn zur Uni schickten, weil sie selbst nicht die Möglichkeit dazu hatten. Daraus strickt Sohnemann folgende Erkenntnis:

"Alles, was ich wusste, war, dass die Welt verkehrt und ich mittendrin war."

Als logische Folge dessen spielt natürlich auch der eigene Konsum von Drogen eine entscheidende Rolle. Wie langweilig doch Partys sind, auf welchen nur Bier getrunken wird. Im Grunde dreht sich die gesamte Geschichte ausschließlich um den permanenten Drogenkonsum und der Beschaffung der dafür notwendigen Mittel. Stets ist man "so was von am Arsch" oder "breit ohne Ende".

Auffallend ist eine merkwürdige Distanz zu den Dingen, egal ob es sich generell um eine halbwegs vernünftige Gestaltung des Alltags handelt, oder im speziellen um das Verhältnis zu Frauen beispielsweise. Sexualität, sofern man das so nennen kann, wird in unmaskierten Worten geradezu abgehandelt. Derb, roh und in zwanghaftem Affekt. Eine Sache, die es eben abzuarbeiten gilt.

Die Art und Weise, wie Nico Walker hier offenbar sein eigenes Leben skizziert, besitzt trotz aller Kühle der Betrachtung, wie aus kilometerweitem Abstand und aus einer anderen Wirklichkeit betrachtet, eine gewisse Faszination. Dort wo andere um den heißen Brei herum schreiben, ziert sich der Autor niemals, klar und unmissverständlich zu formulieren. Auf die Dauer aber ebenso öde wie langweilig.

Trotzdem eine gute Idee vielleicht, und bestens dazu geeignet, die traumatischen Erlebnisse als Militärsanitäter im Irak wenigstens halbwegs zu verarbeiten. Von der Seele geschrieben hat er sich für den Moment jedenfalls alles. Und wenn sich für ihn im nächsten Jahr die Gefängnistore öffnen, werden sich mit Sicherheit völlig neue Perspektiven anbieten.

Insofern ermöglichen diese Notizen, die alles andere als ein "großer Roman" sind, zumindest einen nicht ganz uninteressanten Einblick in die recht einfach gestrickte Gedankenwelt eines ganz normalen Amerikaners. Ob dies Rückschlüsse auf den Entwicklungsstand eines ganzes Volkes erlaubt, darf bezweifelt werden.

Und ja, keine Regel ohne Ausnahmen, denn in Spurenelementen wächst Nico Walker über sich hinaus. Während der militärischen Grundausbildung war auch ein zweiwöchiges Klinikpraktikum zu absolvieren. Einen verletzten Obdachlosen zu baden war kein Spaß. Unser Held sieht es locker:

"Und so tat ich Gutes, sammelte Schätze im Himmel, die unvergänglich sind und die kein Dieb mitnehmen kann."

Auch einen heftigen Streit mit Ehefrau Emily weiß er filmreif auszuschmücken:

"Es schien, als würden ihr Flügel wachsen. Kreischend flatterte sie durch die Wohnung und kreiste an der Decke umher. Es war schrecklich. Genauso gut hätte ich mit einem Flugsaurier diskutieren können. Zwecklos."

Auch die Frage, wo hier groß "über die Opioid-Epidemie" geschrieben wurde, muss erlaubt sein. Doch aufgepasst: Vielleicht könnte "Cherry" für jemanden der Startschuss sein, dies einmal tatsächlich zu tun. Vielleicht sogar für Walker selbst? Seine aufkeimende Metaphorik gibt jedenfalls zu entsprechenden Hoffnungen Anlass.

 

Thomas Lawall - November 2019

 

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