Literatur

Burnout

von Alice Spogis


384 Seiten
© Sutton Verlag, 2013
www.suttonverlag.de
www.alice-spogis.de
ISBN 978-3-95400-218-4



Mit der Inhaltsangabe mache ich es kurz. Ausnahmsweise. Nicht, dass die Geschichte langweilig wäre. Ganz im Gegenteil, doch das Buch hat wesentlich mehr zu bieten.

Das Leben meint es nicht gut mit Ella Brandt. Die Journalistin leidet an einem Burnout-Syndrom und begibt sich zu einer Therapie in die Dunenburg-Klinik auf der ostfriesischen Insel Juist. Zwei Patientinnen kommen während ihres Aufenthaltes ums Leben und zunächst sieht alles nach Selbstmorden aus.

Allerdings verdichten sich Verdachtsmomente immer weiter in Richtungen, die jeweils eine unnatürliche Todesursache nicht ausschließen - zunächst jedoch nicht für die örtliche Polizei, sondern eher in den Reihen der Patienten. Doch zuerst braucht Ella Brandt einen klaren Kopf und das scheint gar nicht so einfach zu sein ...

Man bedauert es sehr, wenn die fast 400 Seiten Lektüre vorüber sind. Zwar hält einen der rasante und vielschichtige Showdown in Atem und die Auflösung des Falles lässt so etwas wie Erleichterung aufkommen, doch die Stärken des Buches liegen weniger in der Story selbst, als in der Art und Weise, wie Alice Spogis Dinge, Menschen und vor allem menschliche Gefühlsregungen und -zustände in ungewöhnliche Sprachbilder übersetzt.

Sie Autorin beschreibt beispielsweise einen vollbesetzten ICE als "Pressfleischkonserve", den bunten Reigen auf einem Sommerfest als "Mumienschieben mit zoologischem Einschlag", die Therapiesitzungen in der psychiatrischen Klinik als "strukturlose Beschäftigungsmaßnahmen in einer schlecht getarnten Verwahranstalt" ... sowie Stille, die auch eine "Wand" sein kann.

Ihre Bandbreite reicht von kühler Sachlichkeit und nüchternem Bezug zur nicht selten bitteren Realität bis hin zu ausufernden Gefühlswallungen und -irrungen. Ihre Hauptfigur Ella Brandt erstickt fast in gnadenloser Selbstbetrachtung, die sich allzu oft in selbstzerstörerische Tendenzen verirrt und restlos zu verlieren scheint, und "in der Maschinerie der Vernachlässigung, die Menschen zu unmündigen Befundträgern macht."

Fürchterliche Wesen scheinen nach ihr zu greifen, doch ein Entkommen scheint ihr nicht möglich zu sein: "Ich durchlebe sie nicht nur, ich b-i-n Panik." Während sich eine akute Suizidgefährdung schleichend ausbreitet, fragt sie sich, wie weit sie noch fallen muss, um endlich unten aufzuschlagen. Ihre Verdrängungsmechanismen funktionieren nicht mehr im "Elend des Da-Seins und der Vergänglichkeit".

Sie erscheint fast in Aussichtslosigkeit zu ertrinken, doch ihre Ambivalenz hält sie am Leben. Aus dem Sumpf ihrer lebensfeindlichen Sackgassen und Irrwege hilft sie sich selbst heraus, indem sie ihre Wut und Enttäuschung zu kanalisieren versteht und sie damit in unbändigen Antrieb und Zuversicht verwandelt. Es gibt immer mehr Momente, welche die "wölfische Gedankenbrut" in den Hintergrund drängen.

Das Psychogramm dieser Frau zu studieren ist einerseits fast spannender als die Handlung selbst, ist aber auf der anderen Seite untrennbar mit ihr verwoben. Faszinierend, wie Alice Spogis es versteht, eine spannungsgeladene Geschichte auf mehreren Ebenen und in faszinierenden Traumsequenzen mit einer fast am Leben und an sich selbst verzweifelnden Frau zu verbinden.

Wirkliche Überraschungen, was die Hauptausrichtung der Geschichte betrifft, gibt es am Ende nicht mehr, da sich der große Übeltäter samt seinen Aktivitäten und Vorhaben schon sehr rasch abzeichnet. Das bedeutet aber nicht, dass sich, was den einen oder anderen Nebendarsteller betrifft, wahre Abgründe auftun. Wie es Ella und mit wessen Hilfe schließlich schafft, das Paket an selbstgesteckten Zielen zu erreichen, sowie das finale Horror-Szenario zu überstehen, ist absolut lesenswert.

Welche weiteren Ziele die Autorin verfolgt, ist mir nicht bekannt. Ich würde mich aber sehr auf ein Wiederlesen freuen!

 

Thomas Lawall - Februar 2015

 

 

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