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Literatur

Black Box

von Michael Connelly


446 Seiten
© 2012 Hieronymus, Inc.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2014 Droemer Verlag
www.droemer.de
ISBN 978-3-426-19990-9



Rufus Coleman wird von zwei Gefängniswärtern hereingeführt und mit auf dem Rücken verschränkten Armen am Stuhl angekettet. Er weiß, dass er beobachtet wird, auch wenn im Verhörraum nur eine Person sitzt. Was der Cop von ihm will, weiß er nicht. Er kann es auch nicht wissen. Wie auch, denn er war in seiner Gang stets nur der Mann fürs Grobe gewesen.

Harry Bosch vom LAPD in Los Angeles eröffnet dem Gefangenen, dass heute entweder sein Glücks- oder Pechtag sei. Er überlässt es seiner weisen Entscheidung, in welche Richtung sich die Dinge weiterentwickeln würden. Er hätte die Wahl, was Coleman zunächst wenig beeindruckt. In gewissen Kreisen tut man gut daran, insbesondere Polizisten gegenüber, den Mund zu halten. Eine bessere Lebensversicherung gibt es nicht.

Harry Bosch kommt nicht mit leeren Händen, sondern hat ein ganz spezielles Druckmittel im Gepäck. Coleman muss einlenken und zuhören, was er von ihm will. Es handelt sich um einen Mord, der 20 Jahre zurückliegt. 1992 wurde Anneke Jespersen, die als freie Journalistin für eine dänische Zeitung unterwegs war, aus nächster Nähe kaltblütig erschossen.

Anhand einer Patronenhülse konnte ermittelt werden, dass es sich um eine Beretta 92 handelte. Vier Jahre später erschießt Rufus Coleman einen 19 Jahre alten Jungen, ein Mitglied einer rivalisierenden Gang. 15 Jahre bis lebenslänglich erhält er für den Mord, ohne dass jedoch die Tatwaffe, eine Beretta 92, gefunden wurde. 2003 kommt es zum Mord an Eddie Vaughn. Eine Tatwaffe wurde nicht gefunden, dafür aber wiederum Patronenhülsen.

Da es in jenem Jahr bereits das "National Integrated Ballistic Identification System" gibt, eine Datenbank für die an Tatorten gefundenen Geschosse oder Hülsen, führte ein Vergleich zu einem überraschenden Ergebnis. Alle drei Opfer scheinen mit der gleichen Waffe ermordet worden zu sein. Aufgrund einer früheren und der aktuellen Haftstrafe hat Rufus Coleman ein einwandfreies Alibi, was die Morde an Jespersen und Vaughn betrifft. Interessant ist für Harry Bosch in erster Linie die höchst spannende Geschichte dieser Waffe, die er, da die Mordsache an der dänischen Journalistin nach zwanzig Jahren wieder aufgerollt wird, in mühevoller Kleinarbeit rekonstruieren muss.

Seinen ersten Teil "Der Weg der Waffe" widmet Michael Connelly deshalb voll und ganz der abenteuerlichen Suche nach dem ursprünglichen Besitzer dieser Waffe, und er widmet diesem Thema fast die Hälfte des Buches. Insgesamt fallen aber, zumindest in den ersten Kapiteln, die sachlich-unspektakuläre Ausdrucksweise des Autors (oder des Übersetzers?) auf, sowie der einfach strukturierte Satzbau: "Und wie geht's, Harry?" "Es geht so." Sicherlich soll hier ein breiteres Publikum angesprochen werden, was auch die zahlreichen Wiederholungen erklärt, welche Sachverhalte, Personenbeschreibungen und Stimmungen oft und fast umständlich wiederkäuen. Langweilig und gestreckt wirkt das mitunter.

Im zweiten Teil "Texte und Bilder" dreht der Autor dann deutlich auf. Die Handlung gestaltet sich zunehmend komplexer und gewinnt an Fahrt. Auch die bis dahin eher blass bis gar nicht charakterisierten, scheinbar gefühlfreien Hauptfiguren, allen voran Detective Harry Bosch, gewinnen deutlich an Profil. Gleich an mehreren emotionalen Baustellen lässt Michael Connelly seinen Detective fieberhaft arbeiten. Das Verhältnis zu seiner fast erwachsenen Tochter Madeline ist stark ausbaufähig und die neue Beziehung zu Hannah Stone steht nach einem Jahr noch ganz am Anfang. Dunkle Wolken brauen sich im Zusammenhang mit seinem Vorgesetzten O'Toole und dessen Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn zusammen, und schließlich entwickelt sich im weiteren Verlauf der Recherchen eine fast persönliche Beziehung zu der vor zwanzig Jahren Ermordeten: "Es war, als streckte sie mit ihren Arbeiten über die vergangenen zwanzig Jahre hinweg die Hand nach ihm aus und zupfte an ihm ..."

Im dritten Teil "Der verlorene Ermittler" zieht Michael Connelly alle Register und lässt die Handlungsfäden zusammenlaufen, wobei sich dies für den Leser nach all den aufreibenden Ermittlungsarbeiten dann mehr oder weniger nicht mehr sonderlich überraschend gestaltet. Ein Herzklopfen entsteht trotzdem insofern, als sich der Hauptdarsteller am Ende in einer ausweglosen Situation zu befinden scheint. Die Auflösung aus diesem Dilemma ist eine Erlösung und eine handfeste Überraschung zugleich. Dennoch bleibt am Ende eine gewisse Unzufriedenheit und der Eindruck, hier mit einem allzu konstruiert wirkenden Plot abgefertigt worden zu sein.

Polizeiarbeit kann aufregend und manchmal alles andere als ungefährlich sein, gestaltet sich im Alltag aber, zumindest was die Ermittlungsarbeiten betrifft, eher ebenso langwierig wie unspektakulär. Das Buch vermittelt einen entsprechenden Eindruck davon.

 

Thomas Lawall - April 2014

 

 

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