Literatur

Bis zum Ende

von Remigiusz Mróz


400 Seiten
Rowohlt Taschenbuchverlag, Hamburg, März 2020
"Nieodgadniona" © 2018 by Remigiusz Mróz
"Nieodgadniona" © 2019 by Wydawnictwo FILIA
www.rororo.de
ISBN 978-3-499-00252-6



Beinahe wäre ich auf die schlechten Bewertungen dieses Buches reingefallen, weshalb ich das jetzt zum Anlass nehme, keine Rezensionen mehr vorab zu lesen. Im Prinzip ist es ja immer das Gleiche. Wenn ein Roman nicht glatt geschliffen, ohne Ecken und Kanten und "leicht zu lesen" ist, fällt er durch.

Erstaunlicherweise bei mir zunächst ebenfalls, obwohl ich es nach der Lektüre so vieler Bücher eigentlich besser wissen müsste. So um die Seite 30 herum dann fast aufzugeben ist, rückblickend, fast ein Skandal. Gut, wenn ein Rest Neugier bleibt und die Dinge wieder ins Lot bringt.

Richtig ist aber schon, dass Remigiusz Mróz es einem nicht gerade leicht macht, seinen kantigen Strukturen zu folgen. Zur Stolperfalle kann die Erzählperspektive werden, wenn zwei Protagonisten jeweils in der 1. Person erzählen, oder wenn gleich zu Beginn, sowie im weiteren Verlauf, eine Menge Figuren auftauchen, die in Eigenschaft und Funktion nicht unbedingt sofort vorgestellt werden. Wenn dann noch gewisse Herrschaften jeweils verschiedene Namen besitzen, kann Verwirrung entstehen.

Dabei ist die ganze Story um die Entführung von Kasandras Sohn Wojtek, einem gewissen Damian und dessen vor elf Jahren verschwundener Verlobten Ewa sowie deren chaotischen privaten Bezüge und Verstrickungen, schon verwirrend genug, was bereits der Klappentext erahnen lässt. Erschwerend kommt noch die Leidenschaft des polnischen Autors dazu, gewisse Sachverhalte einfach in den Raum zu stellen, was nicht wenige Rezensenten dazu verleitet, den Vorgängerband "Die kalten Sekunden" als Voraussetzung zum besseren Verständnis dringend zu empfehlen.

Wie in solchen Mehrteilern üblich, klärt sich aber alles so nach und nach auf. Geduld wird also "bis zum Ende" belohnt und lässt einen die zweifellos gemein aufgestellten Hürden dann immer leichter überwinden. Der Druck, ständig das Lesetempo zu erhöhen, wird mitunter in Passagen gebremst, die sich mit dem Alltag und den Strukturen in einem Frauengefängnis oder Gewalt in der Ehe beschäftigen.

In diesem Zusammenhang hat der Autor ein klares Anliegen, welches er im Nachwort erläutert. Bereits nach dem Lesen des zitierten Vorgängers sorgten betroffene Frauen für ein "gewaltiges Feedback", welche das Angebot einer Telefonnummer nutzten, um als Opfer von häuslicher Gewalt aus der Defensive herauszutreten und einen Ausweg zu finden.

So ist "Bis zum Ende" ein sich langsam aber gewaltig entwickelnder, nicht leicht verdaulicher Thriller um sexuellen Missbrauch, häusliche Gewalt, massiven Vertrauensbruch und manipulierter Beziehungsgeflechte mit irreparablen Folgen für alle Beteiligten. Eine frei erfundene Irrfahrt im Rahmen realer Bezüge.

 

Thomas Lawall - Juni 2020

 

 

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