NetZähler

 

Literatur

Beste Beziehungen

von Gustav Ernst


212 Seiten
© HAYMON Verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
ISBN 978-3-85218-677-1



Man sollte sich doch die Mühe machen, Klappentexte genauer zu studieren, was ich beim vorliegenden Buch leider versäumt habe. Das Überfliegen des Textes habe ich insofern bereuen müssen, als ich in keinster Weise auf das vorbereitet war, was mich erwarten sollte. Die ganze Tragweite von "Beste Beziehungen" wäre bei genauerem Studium der zusammenfassenden Zeilen sehr wohl, zumindest jedoch zwischen den Zeilen, im Ansatz zu erkennen gewesen. Somit raste ich, ohne es zu ahnen, ungebremst von einer Katastrophe in die nächste, jeweils noch schlimmere!

Sabine, Manno und seine Geliebte, die mit dem Paar unter einem Dach lebt(!), ergehen sich in einem ausführlichen Streit um die Eigentumsverhältnisse des vorhandenen Kaffees. Manno sieht in der restlos verfahrenen Situation überhaupt keine Probleme, während sich das infantile Streitgespräch dramatisch weiterentwickelt. Sabine beklagt sich über den ebenso täglichen wie lautstarken Geschlechtsverkehr ihres Mannes mit Franziska, den sie vom Zimmer nebenan unschwer verfolgen kann und muss. Natürlich missfällt ihr ebenfalls die Tatsache, dass Franziska in ihre "Muschel scheißt" und sich mit dem Klosettpapier, das ebenfalls nicht ihr gehört, "den dreckigen Arsch" abwischt ...

Manuel F. spricht mit seinem Anwalt. Seine Frau Janine wollte ihn nicht ärgern, sie wollte ihn quälen. Sie wollte ihn leiden sehen. Ihn an seiner empfindlichsten Stelle treffen und demütigen. Nichts anderes hat sie gewollt. Bis aufs Blut hat sie ihn gequält und ausgerechnet ihm, dem "gutgläubigen und ahnungslosen Trottel" musste das passieren. Zweifellos war es eine Falle, in die er getappt ist. Und Männer tappen ja so leicht in Fallen, die ihnen ihre Frauen stellen. Und dann gibt es noch die gewissen Dinge, die man einem Mann nicht sagen darf. Von wegen dem "schlappen Schwanz in der Hose" zum Beispiel. Man kann sich doch nicht über die Schwächen eines Mannes derart lustig machen. Und dann noch die Sache mit der anderen Frau. Die hat ihr den Kopf verdreht. Was soll sie angeblich besser machen können als er? Janine wollte ihn vernichten ...

Fritz ist entsetzt. Sigi soll doch die Pistole wegnehmen. Macht er aber nicht, denn er möchte, das Fritz seine Kündigung zurücknimmt. Schließlich habe er als Betriebsrat die Macht dazu ...

Brisant, wenn sich zwei Mitglieder der Regierung in der dunklen Ecke einer Tiefgarage etwas unvorsichtig verhalten. Wenn die Affäre des Büroleiters des Wirtschaftsministers mit der Außenministerin so kurz vor der Wahl ans Licht der Öffentlichkeit kommt, käme das einem politischen Selbstmord gleich. Doch es gibt ja Mittel, Wege und Mitarbeiter, welche die Dinge ins rechte Licht manipulieren können ...

Lehrer Stöger ärgert sich besonders über die Mädchen, die in der ersten Reihe sitzen. Immer müssen sie ihre Schenkel auseinanderbewegen. Sie könnten doch auch in der letzten Reihe sitzen, aber immer stürmen sie zu Beginn des Schuljahres in die erste Reihe. Da muss eine Absicht dahinterstecken. Ebenso hinter der Tatsache, einerseits weiten Einblick zu gewähren, es aber andererseits immer wieder zu schaffen, dass man gerade nicht das Höschen sehen kann. Stöger fragt sich, wie sie das machen und ob sie vielleicht zu Hause vor dem Spiegel trainieren. Das kann nur eine böse Absicht sein. Sie fordern ihn heraus. Nur so kann es sein. Sie wollen, dass er sich mit ihnen beschäftigt ...

Gustav Ernst erzählt die dramatische Entwicklung der einzelnen Episoden im Wechsel und aus einer teilweise sehr persönlichen Perspektive der handelnden Personen. Hieraus ergeben sich durchaus ungewöhnliche Standpunkte und Einsichten. Fast könnte man beispielsweise die pädophilen Neigungen des Lehrers nachvollziehen, ja sogar dem fatalen Irrtum erliegen, zumindest einen Hauch von Verständnis oder gar Mitgefühl für Stögers Neigungen zu entwickeln. Solche (und andere) Anflüge werden aber einerseits durch die seltsam im Kreis herumführende Argumentation der jeweiligen Hauptfigur(en), und andererseits durch den Verfall jeder Moral schnell ad absurbum geführt.

Die Dialoge sind nicht selten unter aller Würde und lassen eine (sinnvolle) Weiterentwicklung der jeweiligen Zustände nicht zu. Dies scheint sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zu ziehen, denn bis ganz nach "oben" wuchern faulige Geschwüre in zwischenmenschlichen Abgründen.

Eine fast nervige Ebene erreicht der Autor in der Wahl und Ausschmückung der Dialoge. Meist werden banale Gegebenheiten aufgegriffen und bis zum Exzess wiederholt. Der eine oder andere Leser mag sich deshalb fragen, ob derartige "Unterhaltungen" tatsächlich ein authentisches Bild der Wirklichkeit abgeben. Zumindest sind diese Stupiditäten aber derart brillant in Szene gesetzt, sodass die sich anbahnenden Katastrophen geradezu körperlich spürbar und erlebbar sind.

Verbale Entgleisungen wie sexuelle Handlungen werden schonungslos in Szene gesetzt. Ebenso präzise wie gnadenlos sind die Gewaltdarstellungen, die ich in dieser Intensität noch nicht gelesen habe. Eine Zumutung sind pädophile Neigungen, die in die Tat umgesetzt werden und dies gleich mehrfach. Auch in diesem Fall spart der Autor nicht mit Details, die nun wirklich gar nichts mehr auslassen!

Ein wenig ratlos ist man am Ende des Werkes und wütend zugleich. Ob das jetzt sein musste, mag nicht nur ich mich fragen. Doch wenn der erste Zorn, Wut, Entsetzen und Trauer verflogen sind, schaut man aus dem Fester und erinnert sich plötzlich daran, dass über diese grausamen Zeilen hinaus eine Wirklichkeit existiert, die weitaus schlimmer ist, als jedes geschriebene Wort.

 

Thomas Lawall - März 2011

 

 

Für Fragen, Kritik und Anregungen steht unser Forum zur Verfügung

Home News Literatur Gedichte Kunst Philosophie Schräg Musik Film Garten Küche Gästebuch Forum Links Impressum