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Befragungen mit macis méz
von Silvia Hlavin
184 Seiten © 2026 Edition Arthof, Franzen www.edition-arthof.com ISBN 978-3-9505256-6-3
Schreck lass nach! Der Schriftgrad ist ziemlich klein. Warum? Auf den ersten Blick gefällt das dem Rezensenten gar nicht. Vorweg darf er aber verraten, dass dies der einzige Kritikpunkt ist.
Seine Lesebrille ist schnell gefunden und schafft Abhilfe. Sofort geht es los und siehe da: Es beginnt mit einem Schmunzeln. In den ersten Zeilen lernen wir bereits die Hauptperson Christina kennen, die sich darüber freut, laut Diagnose ihrer Augenärztin, noch keine Lesebrille zu benötigen...
Ein Lichtblick immerhin, doch der Alltag holt sie umgehend ein. Sie ist in Eile. Plötzlich stürzt es von allen Seiten auf sie ein. Das baldige Eintreffen der Verwandtschaft steht auf der Tagesordnung, die avisierten Backwaren sind noch nicht fertig und sie ist noch nicht einmal umgezogen.
Die Finger mit Fertigglasur beschmiert, hastet sie durch die Wohnung und versucht, die notwendigen Abläufe zu sortieren. Dann kommt auch noch der Anruf ihrer Verlegerin dazwischen, welcher ihr den Rest gibt. Eine ganzseitige Rezension ihres neuesten Romans, es ist der fünfte, sei in einer Tageszeitung erschienen. Doch um diese zu lesen, bleibt im Moment keine Zeit.
Gedanken, ob es wohl eine positive oder negative Besprechung ist, lassen sie trotzdem nicht los. Aber es ist nun mal der zweiunddreißigste Geburtstag ihres Sohnes Daniel, und das hat für den Moment Vorrang.
So verflechten sich Alltag und Möglichkeiten, und sehr bald gesellt sich in ersten Rückblenden die Vergangenheit dazu. Wenn sich dann auch noch Christinas Symptome der Wechseljahre überdeutlich melden, wird es ebenso unübersichtlich wie anstrengend. Das volle Leben sozusagen.
Christinas "Meno-Hirn" ist "konsequent im Übertünchen aller positiven Gefühle durch Angstszenarien" sowie der bestens bekannten ausufernden Hitzewallungen, und plötzlich betritt ein Gespenst namens "Endlichkeit" die Bühne. Ihr Leben verläuft in ruhigen, geordneten Bahnen. Vielleicht "zu glatt".
"Zufriedenheit, wohin auch immer sie schaute."
Woher kommen dann plötzlich Selbstzweifel und das Gefühl einer sich heranschleichenden Panik? Grübeleien und Reflexionen mischen das Tagwerk mit dem Stand der momentanen Dinge und gelebter Vergangenheit. Erfahrungswerte überschneiden sich mit jenen der Eltern und Generationenkonflikte schaffen Probleme, die es vorher nicht gab. Hat man das einfach übersehen?
1956 kam ihr Vater als Flüchtling nach Österreich und heiratete eine Wienerin. Eine Welt traf die andere. Der eine, der nichts hatte, aber daraus etwas aufbaute, und die andere, die sich gegen die Ablehnung der eigenen Eltern mit aller Kraft stellte...
Die Kunst, in lebendigen Worten zu erzählen, beherrscht Silvia Hlavin in Perfektion. Das ist auch gut so, denn somit ist das Abdriften in langweiligen Familienkram völlig ausgeschlossen. Meistens jedenfalls, denn mitunter nehmen Beschreibungen von Alltagsbanalitäten einen recht großen Raum ein, was andererseits literarisch gewollt sein mag.
Das Gegenteil ist jedoch die Regel, denn nicht nur die großen Themen wie die politischen Verhältnisse Ungarns, damals und heute, familiäres Glück und das Gegenteil, die Widrigkeiten des gesellschaftlichen und privaten Alltags und der, teilweise heimliche, Grenzverkehr vermag die Autorin lebendig zu skizzieren, sondern eben auch die ganz kleinen Dinge, und sei es nur das unbedeutende Schicksal einer Erbse, die von einer Gabel rollt, oder ein Stück Mohnkuchen, welches von einem Servierteller purzelt.
Selbst Nebensächlichkeiten funkeln also und werden zu spannenden Requisiten auf jener überschaubaren Bühne. So spannend, dass der Rezensent den kleinen Schriftgrad, sowie den noch kleineren der kursiv gedruckten Passagen, glatt überlesen hat.
Die liebevolle formale Gestaltung des Buches, nach allen Regeln der Buchdruckerkunst, tut ein Übriges. Den fehlenden Rückentitel vermisst er allerdings schmerzlich. Da geht der gelernte Schriftsetzer mit ihm durch. Christina hätte das auch vermisst, weil sie doch "all die bunten Buchrücken mit den schnörkeligen Schriften" schon als Jugendliche liebte.
Bleibt noch der Bezug zum Titel und der markanten bildlichen Darstellung. Ja, was haben denn die allseits bekannten Honigbärchen mit dem Inhalt des Buches zu tun, und wer stellt überhaupt die ganzen interessanten und vieldeutigen Fragen? Wer ist "A"? Auch die kleinen Illustrationen verlangen nach Aufklärung.
Die Auflösungen sind ebenso spannend wie die literarische Aufarbeitung einer ungarisch-österreichischen Familiengeschichte selbst, die zum Teil auch die ihrer Autorin sein könnte. Verlassen, Ankommen, Neubeginn und der Wunsch, die eigenen Wurzeln zu ergründen. Oder braucht die Entwicklung der eigenen Identität überhaupt eine Vergangenheit? Eine Suche und ein Finden.
Und noch etwas. Was bleibt nach der Lektüre dieses Buches? Können Leserinnen und Leser etwas für sich herausziehen oder sogar mitnehmen? Doch nicht etwa die Erkenntnis, mutiger gewesen zu sein, als man je dachte?!
Der Rezensent schließt das Buch und schaut hinaus. War das eben nicht ein Wal, der gerade am Fenster vorbeigeschwommen ist?
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