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Literatur

Aus die Maus -
Ungewöhnliche Todesanzeigen


von Christian Sprang und Matthias Nöllke


208 S.
5. Auflage 2009
©2009 by Kiepenheuer & Witsch, Köln
ISBN 978-3-462-04157-6



Ich habe gar nicht gewusst, dass es Menschen gibt, die Todesanzeigen sammeln. Es scheint sogar eine ganze Menge davon zu geben. Und Bücher in diese Richtung ebenfalls. Um so mehr freut es mich, ein derartiges Werk nun in Händen zu halten. Nicht dass ich etwa dem Thema Sterben etwas Fröhliches oder gar Komisches abgewinnen könnte, nein. Ganz im Gegenteil, diese Thematik ist mein Problem. Mein größtes. Das Unvermeidliche hat aber nunmal die Eigenschaft, unvermeidlich zu sein. Deshalb bleibt mir gar nichts anderes übrig, als verrückt zu werden oder das Ganze mit Humor zu nehmen. Auch wenn es schwerfällt. Denn was hilft alles Klagen - gehen müssen wir alle. Ob wir wollen oder nicht.

Bei dieser kurzen Rezension möchte ich mit Gedanken an das Fazit beginnen. Eigentlich sind es Folgen, denn schon überlege ich mir, was in meiner Todesanzeige einst zu lesen sein wird ...

Die Autoren haben die Anzeigen in Sachgebiete unterteilt. Es gibt Anzeigen mit ungewöhnlichem Motto, Anzeigen von Adeligen, Selbstanzeigen, Familienanzeigen ... und Anzeigen, die sich auf berufliche Dinge des Verstorbenen, seine Hobbys und Freizeitaktivitäten beziehen. Militärisches, Optimistisches und Enigmatisches gibt es ebenfalls zu finden, kuriose Namen, die für Verwirrung sorgen können und Todesanzeigen guter Freunde. Sprachliche Missgeschicke sind ebenfalls vertreten, wobei die Kommentare der Autoren auch auf diesem Gebiet pietätvoll Zurückhaltung üben.

Jeden Leser mögen andere Gesichtspunkte interessieren, ich habe mich jedoch in einem Zug durch das Buch gearbeitet. Denn eines haben wohl alle Anzeigen gemeinsam. Sie sind in einem schwierigen Zeitraum entstanden, der meist auch noch viel zu kurz bemessen war, um schnell die richtigen Worte finden zu können. Wobei es eine einzige Ausnahme zu geben scheint, zumindest was den zeitlichen Rahmen betrifft. Deuten wir diese Todesanzeige richtig, dann dürften wir es mit einem der rührendsten Dokumente dieser Art zu tun haben, die es wohl jemals gegeben hat. Auf Seite 153 finden wir die Anzeige einer Holländerin, die eine Todesanzeige für ihren Mann aufgegeben hat.

Sie erklärt, dass ihr geliebter Mann ihr in die Ewigkeit gefolgt ist. Bei genauerer Betrachtung der Anzeige wird klar, dass Frau J. diese schon weit im voraus geplant und aufgegeben haben muss, denn sie starb bereits gut 11 Jahre vor ihrem Mann ... !

Fast wäre dem nichts mehr hinzuzufügen, doch ich möchte dem geneigten Leser noch zwei weitere Beispiele vorstellen. Nicht etwa um ihn zu schockieren, sondern um die Bandbreite des vorliegenden Materials näher zu bringen. Wer keinen Humor besitzt, besonders im Zusammenhang mit der Kirche, sollte allerdings genau an dieser Stelle nicht mehr weiterlesen.

Das Leben kann sich schwierig gestalten, wenn man mit ungewöhnlichen Namen gezeichnet ist. Besonders behutsam sollten diese Namen dann in irgendwelchen Zusammenhängen schriftliche Erwähnung finden, denn allzu leicht summieren sich dann gewisse Zweideutigkeiten und münden in einer schriftlich fixierten Katastrophe. Ich erlaube mir, eine Anzeige auf Seite 178 grob zu skizzieren, denn was Gott dem Herrn in Verbindung mit einer "Frau von Hinten" gefallen hat, möchte ich hier jetzt wirklich nicht wörtlich zitieren.

Nun gut. Witziges, Kurioses oder Peinliches möge der Leser selbst finden. Das dritte Beispiel soll nun wieder etwas nachdenklicher stimmen. Ein kleiner "unbedeutender" Mann starb. Großes hat er wohl in seinem Leben nicht vollbracht. Groß sind aber die Worte, die man ihm am Ende zugedacht hat - grundehrlich und wirklich von Herzen. Kann es sein, dass dieser Mensch - trotz allem - irgendwie alles richtig gemacht hat? Ich riskiere jetzt ein wörtliches Zitieren der Anzeige und hoffe, hier keine urheberrechtlichen Grenzen zu überschreiten. Tüten Alfred war sicher ein armer Kerl, doch mit diesen Worten wurde ihm ein Denkmal gesetzt, und das ist wertvoller als jeder materielle Reichtum:

Die Bahnhofsbank ist leer. Du fehlst uns sehr.
Du warst immer da, bei jedem Wetter

"TÜTEN ALFRED"

Du warst ein Netter.

Nun hast du deinen Frieden, mögest Du im Himmel auch Dein Körnchen kriegen.

Mach's gut.


Nun komme ich bereits auf das eingangs schon erwähnte Fazit zurück, denn so ein Büchlein hinterlässt natürlich Spuren. Man liest es aus, macht es zu, legt es weg, aber es wirkt lange Zeit nach. Auch wenn man die sich zwangsläufig heranschleichenden Gedanken gerne verdrängen möchte, hilft vielleicht nur eins: die Flucht nach vorne. Was also wird wohl auf der eigenen Todesanzeige stehen? Ich habe mir das jetzt überlegt und bin ganz schnell zu einem kurzen Text gekommen, der die Gesamtsituation in meinem Fall trefflich beschreibt. In diesen Satz packe ich - jeweils zu gleichen Teilen - Zorn, Verzweiflung, Humor und Selbstironie:

"Er starb, gegen seinen Willen ..."

Meinen ganz herzlichen Dank für diese Anregung gilt den Herren Dr. phil. Matthias Nöllke und Dr. phil. Christian Sprang.

 

Thomas Lawall - Januar 2010

 

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