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Literatur

Argwohn

von Jenk Saborowski


464 Seiten
Originalausgabe 2014
© 2013 Piper Verlag GmbH, München
www.piper.de
ISBN 978-3-492-30420-7



Es ist nicht das Ziel, die ECSB zu schwächen oder deren Arbeit zu blockieren. Jemand verfolgt eindeutig das Ziel, die Mitarbeiter der "European Council Special Branch" komplett auszulöschen! Der Bombenanschlag auf die getarnte Zentrale der Sondereinheit des Europäischen Rats markiert den Beginn eines beispiellosen Feldzugs, der sich mit einem Massaker am Evakuierungspunkt Leidseplein fortsetzt. Agentin Solveigh Lang verliert mit einem Schlag über 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Von ihrem schwerverletzten Vorgesetzten Will Thater erfährt sie von einer geheimen Akte, die in einem Safe in seinem Büro versteckt ist. Er vermutet einen Maulwurf in seiner Truppe und für solche Fälle hätte er vorgesorgt. Die Akte "ELMSFEUER" muss unter allen Umständen aus dem schwer beschädigten Gebäude geborgen werden. Eine Kopie gäbe es nicht. Die Kombination für den Safe kann er ihr noch geben, bevor ihn Sanitäter ins Krankenhaus fahren. Ohne zu zögern macht sich Solveigh auf den Weg, bedient sich an einem Mannschaftswagen und betritt als Feuerwehrmann verkleidet das gerade eben gelöschte Gebäude. Doch sie ist nicht allein. 

Derweil hat Kriminalhauptkommissar Paul Regen vom LKA ganz andere Probleme. Er ist mit einer langjährigen Dauerfeindschaft mit Kriminaldirektor Wochinger beschäftigt, mit unbefriedigenden Aufgaben- und Zuständigkeitsbereichen und neuerdings mit dem Fund eines abgetrennten Arms, der in der Nähe des Isarwerkes II gefunden wurde. Einen Reim darauf machen kann sich zunächst niemand, denn weshalb sollte jemand den abgetrennten Arm eines Mordopfers konservieren und dann in einer Plastiktüte in den Fluss werfen. Erste Ergebnisse der Rechtsmedizin beantworten Fragen, stellen aber gleichzeitig neue. Festzustehen scheinen Größe und Alter des Ermordeten und der Todeszeitpunkt vor etwa zehn Jahren ...

Zeitgleich beschäftigen sich zwei junge Mädchen in Iliciovca mit Zukunftsplänen. Lila und Ioana träumen von einer großen Karriere als Models. Ioanas Cousin Radu scheint über die richtigen Kontakte zu verfügen. Den ärmlichen Verhältnissen in ihrer Heimat Moldawien scheinen sie entkommen zu können. Schließlich hat die Agentur, für die Radu arbeitet, Büros in Mailand, Amsterdam, Berlin und Bukarest. Zuerst müsste er jedoch noch seine Chefin in Bukarest überzeugen. Die entsprechenden Verträge lässt er schon einmal da ...

Jenk Saborowski legt seine Geschichte in mehreren Handlungssträngen an, was allein darin Ausdruck findet, als sich der Leser auf Seite 100 bereits im 20. Kapitel befindet. Ohne größere Gedankensprünge geht es nicht, wenn man den Ereignissen in Moldawien, Deutschland, Niederlande, Portugal, Spanien, Italien, Schweden, Belgien und Frankreich, die sich nicht selten zeitgleich abspielen, folgen möchte. Die notwendige Aufmerksamkeit des Lesers steigert sich in dem Maße, wie sich die Handlungsebenen entwickeln, auch wenn zunächst keinerlei Zusammenhänge erkennbar werden. Wenn man aber vermutet, dass sich dies ändern könnte, liegt man richtig!

Unterschiedliche Schauplätze verlangen eine dementsprechende Besetzung. Wenn sich Solveigh Lang und Paul Regen treffen, dann begegnen sich Welten. Die drahtige, aber hochsensible Agentin verblüfft mit Scharfsinn und spontan-kontrolliertem Aktionismus, während der LKA-Beamte mit diversen privaten und beruflichen Komplikationen zu kämpfen hat, in Sachen Ermittlungstaktiken aber grundsätzlich Neues zu bieten hat.

Neben den Abgründen, die sich in der Haupthandlung auftun, spart der Autor nicht mit einem ebenso knochentrockenen wie unkonventionellen Humor, den er insbesondere seinem Hauptkommissar zugedacht hat. Dieser hat ein paar handfeste Marotten, die ihn zweifellos das schlechte Verhältnis zu seinem Vorgesetzten besser ertragen lassen. So beglückt er Kriminaldirektor Wochinger mitunter mit dem einen oder anderen in Zeitungspapier eingeschlagenen Meeresbewohner, oder er tätigt in dessen Namen einfach einmal größere Bestellungen.

Herrlich sind auch die Wortspiele mit Frau Auch, seiner kongenialen Kollegin, der ausgeschlafenen Kriminalhauptmeisterin. Selbst die eine oder andere Personenbeschreibung fällt aus dem Rahmen. Beispielsweise die eines deutschen Bankers, der wie "eine schlechte Kopie von Johnny Weissmüller plus Augenringe minus Muskeln" aussieht!

So leicht wirft den urigen Ermittler, der einen Stempel besitzt, der "Ich habe einen Stempel" stempelt, nichts aus der Bahn. Und wenn sein Fall momentan keine Anhaltspunkte bietet, ist es halt so, doch wehe, wenn es Paul Regen an seinen Synapsen "kitzelt"! Dann bremst ihn selbst der Wochinger nicht mehr. Dieser sollte sich sowieso umsehen, denn einmal in der Vergangenheit getroffene Entscheidungen müssen nicht für die Ewigkeit Gültigkeit haben, ob sie nun privater oder beruflicher Natur sind.

Jenk Saborowski stellt uns eine neue Ermittlungsmethode vor, indem er Herrn Regen ein verblüffendes, assoziatives Element entwickeln lässt, und wenn der Autor am Ende die Handlungsfäden zusammenlaufen lässt, entsteht in diesem verdichteten Sog zwangsläufig die Erkenntnis, dass Spannung jetzt ebenfalls einen neuen Namen hat: Argwohn.

 

Thomas Lawall - März 2014

 

 

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