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Literatur

Ankerzurren

von Rainer Nocht


168 Seiten
© Edition Thaleia, St Ingbert 2010
www.edition-thaleia.de
http://rainer-nocht.de
ISBN 978-3-924944-95-7



Kai weiß noch nicht genau, was er von diesem Abend halten soll. Auf dem Weg nach Hause reflektiert er die Ereignisse noch einmal. Ganze fünf Stunden hat er bei diesem Mann verbracht, wer hätte das gedacht! Zum gemeinsamen Kochen hatten sie sich verabredet, was für eine verrückte Idee! Er hatte sich auch noch bereit erklärt, einkaufen zu gehen. Wie kommt ein Banker in seiner Position überhaupt auf den Gedanken, sich auf so etwas einzulassen? Er, zu Gast bei einem Penner in dessen Bruchbude. Schräger geht es nicht mehr, zumal sich alle seine Erwartungen in Luft auflösten. War er sich nicht sicher gewesen, dass der Stadtstreicher seine Einkäufe gleich verschwinden lassen würde und ihm statt dessen ein preiswertes Dosenessen auftischen würde? Hatte er erwartet, dass Überzeugungen im Zusammenhang mit seiner bis dato erworbenen Menschenkenntnis in den Grundfesten erschüttert würden? Hatte er erwartet, wie gemütlich es in diesem Zirkuswagen sein wird? Hatte er einen so gebildeten Menschen erwartet, der in der Lage ist, mitzufühlen und ihn mit Humor und Schlagfertigkeit zu beeindrucken? Sicher nicht. Fünf Stunden seines Daseins waren total ausgefüllt. Mit Staunen, Zuhören, Aufwachen, Begreifen ... einem guten Essen, gutem Wein und Gesprächen, die sein Leben nachhaltig verändern sollten. Doch es stellen sich auch viele Fragen, denn der Mann scheint, trotz der vielen unerwarteten positiven Eigenschaften, ein Problem zu haben. Vielleicht sogar ein ziemlich großes ...

Kai, der erfolgreiche Geschäftsmann, wollte für einen Marathon-Lauf, den er dann in seiner Vita nicht ganz uneigennützig präsentieren könnte, trainieren. Doch das sündhaft teure Diagnostik-Center an seinem Oberarm konnte nicht verhindern, dass ihn auf seiner Strecke der Dobermann eines Rechtsradikalen angefallen hat. Glücklicherweise kam er am Zirkuswagen des vermeintlichen Penners Rolf vorbei, der gerade das Dach reparierte. Ohne zu zögern und ebenso unerwartet griff der Mann ein, stürzte sich vom Dach herunter auf den angreifenden Kampfhund und schnürte ihn mit einem Gürtel kampfunfähig zusammen. Nachdem der vorauseilende "Glatzkopf" zum Ort des Geschehens zurückkehrte, entwickelte sich die nächste brisante Situation, als der entrüstete Hundebesitzer eine handfeste Schlägerei anzetteln wollte. Auch ihn besiegte Rolf ohne große Mühe und fixierte ihn, bis die Polizei eintraf.

Nach einer Familientragödie hat Rolf seinen Platz gefunden. Auf einer unverpachtbaren Randparzelle einer Laubenkolonie durfte er seinen Zirkuswagen aufstellen. Als Gegenleistung geht er in der Kleingartenanlage Streife und passt auf, dass niemand die Idylle stört. Hier und da hilft er auch bei verschiedenen Arbeiten. Sogar ein Handy hat ihm der Vereinsvorstand überlassen, allerdings mit der Auflage, es nur für Notrufe zu verwenden.

Nach den dramatischen Ereignissen möchte Kai sich revangieren. Den 1000€-Scheck lehnt Rolf aber ab. Er kennt dieses Verhalten aus eigener Erfahrung und weiß deshalb, dass man sich auf andere Weise bedanken kann. Von Herzen und nicht mit einem Geldschein. Stattdessen lädt er zu einem Männerabend ein. Er würde den Wein kaufen und Kai soll sich um die Lebensmittel kümmern. Sie würden dann zusammen kochen. Kai ist entsetzt, lässt sich aber überreden. Kochen kann er nicht, doch (auch) das sollte sich ändern ...

Eine imaginäre Person erzählt die Geschichte, die oftmals plötzlich zur Ich-Form wechselt, was mich etwas verwirrt. Vielleicht eine Absicht des Autors, der auf diese Weise versucht, uns an die Persönlichkeiten und deren Gedankenwelt heranzuführen? Ungewohnt holprig wirkt auch der oftmalige Gebrauch der infiniten Verbform (Partizip I). Sätze wie "Stampfend, mit platter Sohle auf dem Schotter aufsetzend", wirken dann doch etwas geschraubt und beeinträchtigen aus meiner Sicht den Gesamteindruck.

Rainer Nocht zeichnet zwei (vordergründig) sehr unterschiedliche Charaktere, die das Schicksal zusammenführt. Zwei Klischees prallen aufeinander, unvereinbare Gegensätze und Lebensentwürfe, die diametral auseinanderliegen. Der Zufall will eine Begegnung, die Wege kreuzen sich. Doch die eigentliche Hauptgeschichte lässt der Autor genau in den Abgründen zwischen diesen beiden Menschen entstehen. In jenem Zirkuswagen treffen sich zwei Welten, die das Leben neu entdecken. Welche Pläne das Leben aber wirklich hat, können sie noch nicht ahnen ...

Wer sich auf ein "Zurren am eigenen Anker" einlassen kann, wird Grundlegendes erfahren (oder bestätigt finden). Bestehende Grenzen werden nicht nur in Frage gestellt, sondern verschwinden einfach. Rainer Nocht hat ein (leider viel zu kurzes) Buch von Freundschaft, dem Leben und der Liebe geschrieben. Ich weiß ganz genau, dass ich noch viele Nächte von diesem Zirkuswagen träumen werde ...

 

© Thomas Lawall - Mai 2011 - www.querblatt.com

 

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