Literatur

Am Abgrund
Reportagen aus den Gerichtssälen dieser Republik

von Annette Ramelsberger


368 Seiten
© 2026 Verlag Antje Kunstmann GmbH
www.kunstmann.de
ISBN 978-3-95614-673-2



Ihr achtseitiges Vorwort beendet Annette Ramelsberger mit den Worten: "Auf jeden Fall aber eine kurze Geschichte des Landes, in dem wir leben." Vornehme Bescheidenheit ist sicherlich eine Tugend, aber angesichts der Qualität ihrer Reportagen doch etwas übertrieben zurückhaltend formuliert. Die Autorin hat wirklich mehr zu bieten.

Leider wenig Erfreuliches, was aber in der Natur der Sache liegt. Als Gerichtsreporterin weiß sie von "Abgründen" zu berichten, die dem größten Teil der Bevölkerung entweder nicht zugänglich sind oder nicht oder nur bruchstückhaft ins Bewusstsein vorgedrungen sind. Im Falle rechter Gewalt vielleicht auch gar nicht gewollt.

Gleich die erste Reportage bricht mit voller Wucht auf Leserinnen und Leser ein, indem Annette Ramelsberger auf sehr sachliche, aber auch schonungslose Art und Weise an das Oktoberfestattentat am 26. September 1980 erinnert, das auch der Attentäter nicht überlebte. Weitere zwölf Menschen starben und 200 wurden verletzt.

Gut zwölf Stunden später waren alle Spuren beseitigt, und das Fest ging weiter...! Bei weitem weniger schnell gestalteten sich die Ermittlungen nach Hintermännern und Mitwissern, vor allem aber diejenigen nach der Motivation des Täters. Abgetan als "unpolitische Tat eines Mannes mit Liebeskummer" dauerte es satte 40 Jahre, bis man diese Einschätzung revidierte und sie fortan als rechten Terror definierte.
 
Annette Ramelsbergers Gerichtsreportagen sind weit mehr als sachlich kühl formulierte Protokolle. Den notwendigen Abstand zu den Dingen zu wahren gelingt ihr nicht immer. Warum auch, denn eine, wenn auch wohldosierte, Empathie den Opfern gegenüber kann ja nicht verkehrt sein.

Ein Blick hinter die Kulissen der NSU-Morde kann in mehrfacher Hinsicht bewegender nicht sein. Hier stehen Entsetzen über Täterin und Täter, sowie die an Hilflosigkeit grenzende Betroffenheit den Opfern und ihren Familien gegenüber, die in vielfacher Weise an den Folgen der unbegreiflichen Taten leiden, und dieses Leid ihr Leben lang nicht mehr loswerden, im Fokus.
 
Besonders die Involvierung persönlicher Schicksale, wie im Falle der erstgenannten Reportage die des siebzehnjährigen Dimitrios, der mit seiner gleichaltrigen Freundin in der Nähe der explodierenden Bombe unterwegs war, machen die ganze Tragweite dieser Verbrechen bewusst. Schicksale, die so oft und gerne übersehen werden.

Kein Buch mit erfreulichem Inhalt. Immerhin ist es aber gelungen, mit diesen Reportagen an das zu erinnern, was gerne übersehen wird, ob aus Absicht oder mangelhafter oder gar fehlender Information.

Auch für jüngere Jahrgänge dringend zu empfehlen, auch und besonders was die aktuellen Bewegungen in der rechten Szene betrifft. "Am Abgrund" bietet Informationen aus erster Hand, und zwar nicht nur aus den zitierten Gerichtssälen unserer Republik, sondern beleuchtet auch die unrühmlichen gesellschaftlichen Hintergründe und Vorstellungen.

Nicht wenige haben vielleicht gar keine Kenntnis davon, was sich 1980 in München zugetragen hat, was es mit dem rechten Terror der NSU und deren Morden auf sich hat, dem Mord im uckermärkischen Potzlow 2002, dem langjährigen Wirken der linksradikalen RAF, haben die Anschläge auf die Weihnachtsmärkte in Berlin (2016) und Magdeburg (2024) vergessen oder verdrängt, oder wollen von Halle und Hanau nichts hören.  

Auch eine Verwendung dieses Buches als Lehrmaterial an Schulen wäre denkbar und ausdrücklich zu empfehlen. Wahrlich keine leichte Kost, aber eine dringend notwendige.

 

Thomas Lawall - April 2026

 

 

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