Literatur

Als meine Welt zerbrach

von Hanif Kureishi


288 Seiten
© 2025 Luchterhand Literaturverlag
www.luchterhand-literaturverlag.de
ISBN 978-3-630-87816-4



Die wahren Freunde wissen auf jede Frage eine Antwort. Freunde reagieren spontan, aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus, und genau das kann brutal klingen. Ehrlichkeit schließt das nicht aus. "Warum ich?" fragte Hanif Kureishi. Sein alter Schulfreund formulierte die Antwort hart und punktgenau:

"Warum denn NICHT du?"

Hanif Kureishi verunglückte bei einem Sturz schwer. Die Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule verursachten eine Lähmung der Arme und Beine. Was mit dem britischen Schriftsteller geschah, beschreibt der Buchtitel auf ungeschönte Weise.
  
"Vor zwei Wochen ist in meinem Leben eine Bombe eingeschlagen, die auch das Leben der Menschen um mich herum erschüttert hat."

Wenn Leserinnen und Leser erst einmal die üblichen Gedankengänge, die sie auf sich selbst beziehen, "was würde denn ICH in dieser Situation tun?", beiseite gelegt haben, können sie beginnen, sich voll und ganz auf den weiteren Verlauf der Dinge einzulassen. Es lohnt sich!

Bereits im Krankenhaus, nur wenige Tage nach dem verheerenden zweiten Weihnachtsfeiertag 2022, begann er zu schreiben. Die ersten Zeilen diktierte er seiner Frau Isabella am 6. Januar 2023 in der Gemelli-Klinik in Rom. Sie teilte sich fortan diese Arbeit mit seinen Söhnen. Nur so konnte dieses Buch entstehen.

Vielleicht ist die Situation nach dem Unfall in etwa mit der Vorstellung verwandt, wie sich der Autor den Begriff "Freies Schreiben" vor dem Unglück vorstellte und definierte:

"Man beginnt mit nichts und gelangt nach einer Weile an einen neuen Ort."
 
Jener führt aber erstaunlicherweise erst einmal in die andere Richtung. Es ist ja nichts mehr, wie es vorher war. An einer möglichen Zukunft beginnt Hanif Kureishi ernsthaft zu zweifeln, aber wie zum Ausgleich kehrt die Vergangenheit mit Wucht zurück. Er beginnt, sich intensiv und einfach "anders zu erinnern".

Dabei lässt er nichts, aber auch gar nichts aus. Seine Gedanken an das Vorher, seine Gegenwart und ein oft angsterfüllter Blick in eine diffuse Zukunft, werden immer wieder durch die notwendigen Arbeiten und Hilfsgriffe des Pflegepersonals unterbrochen, was er nahtlos in seine Schilderungen einfließen lässt.

Dies beinhaltet auch jene körperlichen Notwendigkeiten, die er nicht mehr selbst ausführen kann, weil sich seine Hände anfühlen, "als wären sie mit Beton ausgegossen". 

Wie schafft man es, diesen Zustand der absoluten Hilflosigkeit, bei vollem Bewusstsein, zu verarbeiten und zu ertragen? Eigentlich gar nicht, und doch ist man gezwungen, mit einem schwer beschädigten Körper, der zu "Gemüse" geworden ist, irgendwie weiter zu leben. Vielleicht indem man  eine Art Notausgang erfindet?

"Ich empfinde es nicht mehr als erniedrigend. Ich habe keine Würde mehr, die dadurch verletzt werden könnte."

Die jeweils datierten, kurzen Kapitel decken fast ein ganzes Jahr ab, und enden am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 2023, dem Jahrestag des Unfalls! Die ebenso extreme wie völlig unerwartete Reise führte Hanif Kureishi durch fünf Kliniken und schließlich zurück in sein Haus, welches seinen Bedürfnissen entsprechend umgebaut wurde.

Doch selbst dieser vorerst letzte Schritt war für ihn mit enormen Ängsten verbunden. Warum, ist für Außenstehende kaum zu verstehen, bis er es aus seiner Sicht erklärt, denn so unangenehm ein Krankenhausaufenthalt ist, birgt er, aus einem völlig anderen Blickwinkel, einen sicheren Rahmen, denn hier fällt er nicht auf!

"Als behinderter Mensch in einer Welt Nichtbehinderter zu leben ist etwas vollkommen anderes."

Ein vernünftiges Fazit für ein Buch dieses Kalibers zu finden ist nicht einfach. Wie man es auch dreht, wird es immer irgendwo hinken. Die Frage ist deshalb, ob ein solches überhaupt notwendig ist. Das Leben ist seltsam und paradox, wenn für das Entstehen eines so großartigen Buches die Notwendigkeit eines Unfalls zu bestehen scheint.

Wie auch immer, es öffnet viele Türen zu einer ganzen Welt innerhalb der "normalen". Auf ein einziges Beispiel reduziert, könnte man auf die Idee kommen, vielleicht einmal zu überdenken, welchen unfassbaren Wert eine einzige Handbewegung hat.

Behinderte Menschen leben schon lange in dieser abgeschiedenen Welt. Und sie tun es weitgehend unbemerkt, wenn sie kein öffentliches Interesse genießen. Hanif Kureishi stellt uns diese Welt vor. Er zeigt und öffnet Perspektiven, die man gerne übersieht. Ganz erstaunlich auch seine Erkenntnis, wie wenig entfernt wir uns alle von einem solchen Leben bewegen, in welche uns ein Augenblick Unachtsamkeit schleudern kann.

Von einem, der nicht daran denkt, aufzugeben. Der Weg dorthin ist hart, und doch ist das Leben, wenn auch mit völlig anderen Vorzeichen, die Mühe wert.

 

Thomas Lawall - März 2026

 

 

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