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Literatur

AVA und die Stadt des schwarzen Engels

von Andreas Dresen


196 Seiten
© ACABUS Verlag, Hamburg 2011
www.acabus-verlag.de
www.andreas-dresen.de
ISBN 978-3-86282-002-3



Ava schleicht mit ihrem Beschützer durch das dunkle Treppenhaus. Fahrat hat keine Lust, sich von Baddha der Hexe erwischen zu lassen. Vorsichtig öffnet er seine Wohnungstür und übersieht dabei Kreidezeichnungen am Türrahmen. Er dreht den Schlüssel herum und schon schnappt die Falle zu. Ein heftiger Sturm fegt durch das Haus und schon steht die Hexe vor ihm. Fahrat erstarrt und kann sich vor Schreck nicht bewegen. Baddha bemerkt, dass der Schwertler nicht alleine ist und lässt den Sturm, den sie entfacht hat, abklingen. Ava bekommt das ganze Spektakel nur am Rande mit, denn nun wird es ihr endgültig zu viel. Sie verliert das Bewusstsein.

Auf einer Couch in Fahrats Wohnung wacht sie wieder auf. Die vorangegangenen Ereignisse hat sie noch lange nicht verarbeitet. Erst gestern hatte man sie aus der Klinik entlassen. Zwölf Monate war sie dort und wurde behandelt. Sie ist nur ein normaler Mensch und doch scheint mit ihr irgendetwas nicht zu stimmen. Etwas Besonderes muss ihr widerfahren sein, doch noch weiß sie nicht, was es gewesen sein könnte. Tatsache ist nur, dass sie die "Anderen" sehen kann. Auch die Aura, die jedes "Zwischenweltgeschöpf" umgibt, bleibt ihr nicht verborgen. Die Ärzte diagnostizierten natürlich Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Vor ihrer Einlieferung hatte sie noch Zwillinge auf die Welt gebracht. Man erzählte ihr, dass sie gestorben seien, doch Ava glaubt kein Wort davon, sondern beschuldigt das Krankenhauspersonal, ihr die Kinder weggenommen zu haben.

Doch weder die eine noch die andere Variante scheint zu stimmen, denn hier sind ganz andere Interessen im Spiel. Die STADT ist keine alltägliche Stadt, denn seit Jahrhunderten leben magische Wesen, unbemerkt von den Menschen, in der "Zwischenwelt", einer Art parallelen Wirklichkeit. Die STADT ist durch eine magische Barriere geschützt, da man sie nicht verlassen darf. Dies sei zu gefährlich, da in den Gebieten außerhalb der STADT das "Grauen" auf neue Opfer warten würde.

Doch zunächst spitzten sich die Ereignisse erst einmal innerhalb der STADT zu. Einen Tag, bevor er die geheimnisvolle Frau kennenlernte, traute Fahrat seinen Augen nicht, als er einen riesigen Golem mitten am helllichten Tag und mitten in einer belebten Einkaufsstraße entdeckte. Die Menschen um ihn herum bemerkten nichts von dem zornigen Wesen, das es ganz offenbar sehr eilig hatte. Der Schwertler hatte alle Mühe, dem Golem zu folgen, bis er an einem Haus stoppte. Offenbar war hier sein Ziel und er begann, die Fassade einzuschlagen, die schließlich vom Keller bis zum ersten Stock zusammenbrach. In einem dramatischen Kampf und einem Trick, den man kennen muss, besiegte er den Golem. Im Kellergewölbe fand er, in einer Ecke zusammengekauert, eine Frau: Ava. Sie richtete sich hier ein, da sie ihre Wohnung wegen dem langen Klinikaufenthalt verloren hatte.

Jetzt liegt sie auf der Couch in seiner Wohnung, und eines ist dem Schwertler klar. Jemand versucht aus irgendwelchen Gründen Ava zu fangen oder zu töten, und er weiß, dass diese Leute nicht zimperlich sein werden. Ava ahnt nicht, dass sich eine abenteuerliche Flucht anbahnen würde, die ihre bisherigen Erlebnisse noch um einiges übertreffen würden ...

Die Fantasy-Geschichte ist sehr einfach strukturiert und (leider) rasch gelesen. Andreas Dresen setzt auf die Handlung, die stets im Mittelpunkt steht. Man erfährt nicht sehr viel über die Hauptpersonen. Eine Charakterisierung der Protagonisten ist so gut wie nicht vorhanden. An einigen Stellen tauchen Ungereimtheiten auf. Dass die Menschen die Bewohner der Zwischenwelt nicht sehen können ist selbstverständlich vorstellbar. Doch wenn ein unsichtbarer Golem eine komplette Hausfassade zerlegt, die Trümmer auf die Straße prasseln und die Autofahrer nur kurz einmal bremsen, um dann ungerührt weiterzufahren, ist das schon ein wenig unglaubwürdig.

Die geradlinige und sich viel zu schnell entwickelnde Geschichte rast am Leser vorbei, der sich in dieser Stadt und ihren "zauberhaften" Bewohnern gerne noch etwas länger aufgehalten hätte. Schön wäre es gewesen, mehr über "magische Ehepaare", "freischaffende Feen", "Speicherkobolde", "Wasserspeier", "Schattenkobolde", "Bibliothekarsgeister", "Nachtalbe", "Nymphen" und "Puks" zu erfahren, sowie über den Tatbestand einer "magischen Kontamination" oder die Funktionsweise von "magischem Autolack". Eine ganze Menge phantastische Ideen werden in diesem "STADTroman" leider nur angedeutet und hätten eine breitere Ausmalung verdient.

Was bleibt, ist eine spannende Geschichte ...

... die aber vielleicht noch gar nicht zu Ende ist. Mehrere Hinweise auf eine Fortsetzung der Story sind vorhanden. Beispielsweise Fahrats Großvater. Er ist verschollen, doch angeblich wurde er in den Grenzgebieten von Tarda Tekbat gesehen. Meera, die von außerhalb der STADT kommt, würde Fahrat gerne bei der Suche helfen, sobald er sein Abenteuer mit Ava beendet hat.

Und wenn ich meiner Phantasie völlig freien Lauf lasse, könnte ich mir "AVA und die Stadt des schwarzen Engels" als knapp 200seitigen Prolog für eine gewaltige Fantasy-Saga vorstellen ...

 

Thomas Lawall - April 2011

 

 

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